DGzRS : "Egal bei welchem Wetter - wir müssen raus"

Beim Mann-über-Bord-Manöver in Sichtweite der dänischen Küste wird Georg Diederichsen aus der Ostsee gerettet. Dazu müssen seine Kollegen Oliver Bohn   und Leif Rohwer (nicht im Bild) kräftig anpacken.
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Beim Mann-über-Bord-Manöver in Sichtweite der dänischen Küste wird Georg Diederichsen aus der Ostsee gerettet. Dazu müssen seine Kollegen Oliver Bohn und Leif Rohwer (nicht im Bild) kräftig anpacken.

Bei ihren Einsätzen riskieren die ehrenamtlichen Helfer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger nicht selten Kopf und Kragen für das Leben anderer. Damit im Notfall alles klappt, wird auf dem Seenotrettungsboot "Werner Kuntze" regelmäßig "Mann über Bord" geübt.

shz.de von
24. Juni 2009, 12:30 Uhr

Langballig | Eine ungemütliche Nacht Mitte November. Draußen ist es stockdunkel. Es pfeift ein eisiger Wind - Stärke Neun. Die Ostsee zeigt ihr hässlichstes Gesicht: Keine fünf Grad kalt, hohe Wellen, ein einziges schwarzes tosendes Durcheinander. Während sich die meisten Leute zu Hause unter der warmen Bettdecke versteckt haben und bereits in ihren Träumen liegen, klingelt bei vier Männern in Langballig und Dollerup das Handy: "Werner Kuntze - Noteinsatz". Die Mitteilung kommt aus Bremen, das Signal zum Einsatz: Keine zwei Minuten später sitzen die vier in ihren Autos, noch im Schlafanzug, rasen zum Hafen nach Langballigau, fünf Minuten später springen sie an Bord, rein in die Schutzwesten, Motor an, Menschen retten.

"Das ist nur eine Geschichte aus dem letzten Jahr. So geht es zu, wenn wir zum Einsatz müssen, egal wann und bei welchem Wetter - wir müssen raus", sagt Axel Willy Bohn (59). Er ist einer von vier Vormännern, die für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) auf dem Seenotrettungsboot "Werner Kuntze" im Einsatz ist. Wie die anderen Vormänner hat auch Bohn eine feste Mannschaft um sich versammelt, die im Vier-Wochen-Rhythmus Einsätze auf der Ostsee fährt, jederzeit startbereit ist, 24 Stunden am Tag - alles ehrenamtlich. Vom Hafen Langballigau aus sind sie unterwegs zwischen Flensburg, der dänischen Küste und der Geltinger Birk. Ab dort, zur offenen Ostsee raus sind die Kollegen vom Berufsrettungskreuzer aus Maasholm zuständig.

In jener rauen Novembernacht 2008 gerät allerdings eine Motoryacht im Einsatzgebiet der "Werner Kuntze" in Seenot. So fährt Bohn mit seiner Mannschaft, bestehend aus seinem Sohn Oliver (33), Georg Diederichsen (43) und Leif Rohwer (39), raus in den tosenden Sturm. Allerdings können sie wegen der hohen Wellen nicht direkt am Havaristen andocken. Leif Rohwer springt also im Überlebensanzug in die eiskalte tiefschwarze Ostsee, kämpft sich zum Boot und "riskiert schließlich Kopf und Kragen, um fremden Leuten das Leben zu retten", wie Axel Willy Bohn sagt. Angst habe er in diesem Moment aber nicht gehabt, sagt Leif Rohwer im Rückblick. Man denke nicht groß über die Gefahr nach, springe einfach ins Wasser und mache seinen Job. "Aber später, zu Hause im Bett, dann kommt das große Flattern und man fragt sich: Mensch, was hast du da eigentlich gerade riskiert?" erzählt der Familienvater, der seit 1993 bei der DGzRS ist.

Heute geht es für Rohwer und seine Kameraden deutlich ruhiger zu. Alle drei Tage soll die "Werner Kuntze" bewegt werden. Außerdem müssen die Männer in Übung bleiben, Abläufe einstudieren, damit im Notfall jeder Handgriff sitzt. Meistens geschieht das nach Feierabend, schließlich sind alle vier Männer berufstätig. Punkt 19 Uhr legt die "Werner Kuntze" also ab, per Funk wird die DGzRS-Zentrale in Bremen informiert, dass es rausgeht auf die Förde. Axel Willy Bohn sitzt am Ruder, schiebt einen Hebel langsam nach vorne: So geht es aus dem kleinen Hafen. Bis zu 18 Knoten holt er aus dem 320-PS starken Motor des Rettungsbootes heraus. An Bord befindet sich modernste Technik, eine Wasserpumpe, Notfallausrüstung von der Vakuum-Matratze bis hin zum Sanitäts-WC. "Man fühlt sich auf diesem Schiff extrem sicher", sagt Georg Diederichsen. Dass es auf See dennoch manchmal richtig schaukelt, gehört dazu. Ebenso wie ein ungutes Gefühl in der Magengegend. "Die Seekrankheit kann einen trotz allem immer erwischen, aber wir sind einiges gewöhnt", sagt der Rettungsmann.

Heute hat Diederichsen während der Übung eine besondere Aufgabe: Ein Mann-über-Bord-Manöver steht auf dem Programm. Etwa eine Seemeile vor der dänischen Küste springt er über die Reling der "Werner Kuntze", treibt im Überlebensanzug in der Ostsee und wartet auf Rettung. Die Wellen sind nicht besonders hoch heute, das Licht trotz Abenddämmerung noch gut. Dennoch ist Diederichsen trotz der roten Signalfarbe seines Anzuges nur schwer zu erkennen, als das Rettungsboot einen weiten Bogen um ihn zieht. "Jetzt wissen wir ja, wo wir suchen müssen. Man kann sich aber vorstellen, wie schwer es ist, nachts jemanden im Wasser zu suchen", sagt Axel Willy Bohn. Während der Vormann das Schiff nun zielsicher in Richtung des im Wasser treibenden Kameraden steuert, machen sich Leif Rohwer und Oliver Bohn für die Rettungsaktion bereit. Mit einer Stange ziehen sie den Schiffbrüchigen schließlich zu sich, hängen sich dabei weit übers Wasser hinaus und packen gemeinsam kräftig zu, um Georg Diederichsen an Bord zu ziehen. Damit aber nicht genug: Ein Erste-Hilfe-Einsatz wird simuliert, Oliver Bohn geht dabei fast selbst über Bord. Es bleibt aber bei nassen Füßen und feuchter Hose, Diederichsen liegt wenige Momente später sicher eingepackt in der Vakuum-Matratze und wird unter Bord in den kleinen Raum gebracht, wo sich der sogenannte Hospital-Bereich befindet. Der Daumen geht nach oben: Alles gut gelaufen, Übung beendet.

Drei Stunden nach Abfahrt geht es zurück nach Langballigau. Im Besprechungsraum im kleinen Stationshäuschen am Hafen sitzen die vier Männer noch kurz zur Manöverkritik zusammen. An den Wänden um sie herum hängen spektakuläre Luftaufnahmen von Einsätzen verschiedener Seenotrettungskreuzer der DRzRS. Daneben gemalte Bilder von Kindern, die den Einsatz der Männer bewundern. Es sei schon eine besondere Aufgabe, die sie an Bord ihrer "Werner Kuntze" leisten, sind sich alle einig. Oliver Bohn bringt es auf den Punkt: "Es macht uns stolz. Und es ist ein ganz anderes Gefühl, wenn man privat zum Hafen geht oder in seinem roten Overall zum Einsatz ausrückt."


Die DGzRS
Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) ist einer der modernsten Seenotrettungsdienste der Welt. Finanziert wird sie ausschließlich durch Spenden. Die Seenotretter sind an der deutschen Nord- und Ostseeküste jeden Tag 24 Stunden mit einer Flotte von mehr als 60 Seenotkreuzern und Seenotrettungsbooten einsatzbereit. Einsatzzentrale für alle Maßnahmen im maritimen SAR-Dienst der Bundesrepublik ist die Seenotleitung in Bremen. Die Gesellschaft kann auf 185 festangestellte und rund 800 freiwillige Helfer zurückgreifen. Im Jahr 2008 rettete die DGzRS bei 2102 Einsatzfahrten in Nord- und Ostsee insgesamt 127 Personen aus Seenot. 978 Personen wurden aus kritischen Gefahrensituationen befreit. Weiterhin führte die DGzRS 466 Krankentransporte von Inseln oder Halligen auf das Festland durch. Den Stützpunkt am Hafen von Langballigau gibt es bereits seit 1975. Zurzeit sind dort 16 Männer in vier Gruppen ehrenamtlich im Einsatz. Seit 1999 kann die Station auf das rund 9,5 Meter lange und 320 PS-starke Seenotrettungsboot „Werner Kuntze“ zurückgreifen, benannt nach seinem Sponsoren. 2008 musste es zu 56 „echten“ Einsätzen auslaufen. (wim)

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