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Mediengrummel

19. Oktober 2017 | 06:22 Uhr

Mediengrummel : Zum Text marsch!

vom

Haben Sie sich auch schon gewundert, dass vor Fernsehinterviews häufig Menschen über Flure marschieren? Unser Kolumnist Gerhard Hildenbrand sagt Ihnen warum.

shz.de von
erstellt am 30.Jun.2010 | 06:55 Uhr

Wer im Fernsehen ein Interview geben darf, möchte eine gute Figur machen. Ein freundliches Gesicht und ein paar halbwegs verständliche Sätze Richtung Kamera reichen dazu längst nicht mehr aus. Man muss auch gut zu Fuß sein und schauspielerisches Talent mitbringen. Denn wenn das Interview im Kasten ist, werden die Aufnahmen fabriziert, die ein Fernsehjournalist für seine "Antext-Bilder" braucht. Ein paar Schnipsel Film also, mit denen der Journalist seinen gesprochenen Text bildlich unterlegen kann. "Herr Abgeordneter, marschieren Sie mal von ganz da hinten übern Flur hierher Richtung Kamera. Und dann durch die Tür zum Schreibtisch", gibt der Fernsehmann seine Anweisung. Zum Text marsch! Der Herr Abgeordnete tuts gern, wenns sein muss ein zweites und drittes Mal.
So ein Interview ist also professionell inszeniert; auch wenn die Häufung gleichartiger Antext-Märsche in Nachrichten und Magazinen den Eindruck aufkommen lässt, immer da, wo ein wichtiger Mensch energischen Schrittes über einen Flur schreitet, stehen zufällig eine Kamera und ein fragender Reporter: "Wo ich Sie grade hier treffe, Herr/Frau Soundso, ich hab da mal ne Frage ". Nein, so einfach ist Fernsehen nicht. Früher, als es auf dem Bildschirm noch nicht so dynamisch zuging, reichten zur filmischen Ausschmückung eines Interviews Komparsen, die gelangweilt in Aktenordnern blätterten oder bedächtig Bücher aus Regalen zogen. Heutzutage kommt zum Interview die Show, zur Pflicht die Kür. Vom Protestler bis zum Präsidenten wird telegenes Engagement verlangt. Ergeben spielen sie mit, als stünde am Ende der Sendung ein "Oskar für die wichtigste Nebenrolle" zur Abstimmung. Ein forscher Fernsehjournalist hatte vor Jahren eine Politikerin um einen Kopfstand vor der Kamera gebeten, weil das, wie er meinte, gut zum Inhalt seines Interviews und zur Bebilderung seines Textes passte. Die Dame weigerte sich, unter Hinweis auf ihr weit geschnittenes Kleid - und kam trotzdem ins Fernsehen. Aber wie gesagt, das ist schon Jahre her.

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