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Mediengrummel : Vom Winter ergriffen

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Der Winter hat Spuren und Verwehungen hinterlassen. Nicht nur auf den Straßen. Auch in der Politik und in den Medien, meint unser Kolumnist Gerhard Hildenbrand.

shz.de von
erstellt am 23.Feb.2010 | 06:02 Uhr

Was hatte der Winter nicht alles "fest im Griff": Die Fußgänger, den Fußball, sogar die Medien! Aber weil die Berichterstatter von der weißen Front täglich melden durften, wer außer ihnen sonst noch von Schnee und Eis ergriffen wurde, gehören sie neben Energiekonzernen und Knochenchirurgen zu den Profiteuren dieses Winters. Im Gegensatz zur Deutschen Bahn und den Straßen, über die wir noch fluchen werden, wenn der Schnee von gestern keinen mehr interessiert.
Noch aber haben wir die ergreifendsten Berichte nicht vergessen, wie den einer aufgewühlten NDR-Reporterin im Fernseh-Einsatz auf Fehmarn. Wer dort einen Schneepflug fuhr, wurde von ihr kurzerhand zum "Helden" erklärt. Um so mehr muss sich der norddeutsche Heimatfunk fragen lassen, warum er nicht die Umleitung der für Port-au-Prince bestimmten Hilfsflüge nach Lübeck-Blankensee gefordert hat? Oder nach Ostdeutschland, wo ein junger Mann etwas von "totaler Katastrophe" in die Kamera sächselte, weil hinter ihm Schnee auf der Straße lag. Richtig wärs gewesen, ihn dafür samt Reporter in das Berliner Strafbataillon zu schicken, in dem unsere Schlimmsten ran mussten: "Arbeitslose, Häftlinge, Hausmeister greifen jetzt zu Spaten und Presslufthammer", meldete der "Tagesspiegel".
Warum die Regierung im Moment so lausig dasteht? Das Wetter ists!
Auch politisch hatte mancher Esel seine Schwierigkeiten mit dem Eis, was den Medien natürlich nicht verborgen blieb. Während einige Gesetzesfürchtige ihre Gehwege aus purer Verzweiflung mit Speisesalz pökelten, ließ der Präsident der Hamburger Bürgerschaft vor seinem Haus einfach die Stadtreinigung für sich arbeiten – und ist dann trotzdem ausgerutscht. In Berlin meldete dpa, dass die FDP-Fraktion mit Zucker gegen das Eis kämpfen wollte, nachdem das Salz auszugehen drohte. Ein anderer FDP-Experte forderte eine "Nationale Streusalzreserve", ein Thüringer CDU-Minister einen "Glatteis-Gipfel" und der oberste Schneewart Ramsauer verriet "Bild", warum die Regierung im Moment so lausig dasteht: Das Wetter ists!
So hat der Schnee allerlei mediale Verwehungen angerichtet. Eine der schönsten in der Eröffnungsübertragung der Olympischen Winterspiele: "Hier kommt Serbien. Nur zehn Athleten, die Hälfte davon im Viererbob." Bei soviel Winter lassen Journalisten und Politiker fünf schon mal gerade sein.

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