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Mediengrummel

14. Dezember 2017 | 05:03 Uhr

Mediengrummel : Sprachlos

vom

Manche Geschichten scheinen ein ewiges Leben zu führen, auch wenn sie ziemlich falsch sind. Unserem Kolumnisten Gerhard Hildenbrand ist neulich eine aufgefallen.

shz.de von
erstellt am 21.Mai.2013 | 06:54 Uhr

Es gibt Meldungen, die sind zu schön für den Papierkorb, auch wenn sie Jahre alt und fragwürdig sind. Zum Beispiel das "Linguisten-Drama", das "Focus Online" seinen Lesern vor einiger Zeit serviert hat. Es sei zum Schreien, stand da, das Überleben der mexikanische Sprache Ayapaneco hänge von zwei alten Männern ab. Die beiden letzten Menschen, die die Sprache sprechen, schwiegen sich an. Wenn sie sich weiter ignorierten, könnten die beiden die Sprache bald mit ins Grab nehmen.
Das "minutenaktuelle" Medium aus München bezog sich dabei aktuell auf die britische Tageszeitung "The Guardian". Die hatte die Meldung freilich bereits zwei Jahre zuvor gedruckt. "BBC News" hatte sogar schon Ende 2007 über die zwei Alten berichtet, die angeblich aufgehört hätten, miteinander zu sprechen. Im "Guardian" kam damals ein Linguist zu Wort, der den Bericht später als sensationsmacherisch bezeichnete. Er verwies darauf, dass es zwischen den beiden Mexikanern kein "böses Blut" gebe, dass sie einfach ein unterschiedliches Ayapaneco sprechen und sich großteils gar nicht verstehen könnten. Die beiden seien am Aussterben der Sprache nicht schuld und außerdem seien sie nicht die einzigen, die sie sprechen.
Redet die "Focus"-Redaktion nicht mehr mit ihrem Archiv oder hat der letzte Journalist mit Recherche-Kenntnissen sein Wissen mit ins Grab genommen? Bleibt zu hoffen, dass in der fünfeinhalb Jahre alten Meldung ein Körnchen Aktualität steckt und die zwei Greise im fernen Mexiko immer noch am Leben sind. Und dass es ihnen nicht die Sprache verschlägt, falls sie diesen Mediengrummel zufällig lesen sollten.

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