Mediengrummel : Sommerpreziosen

Nicht alle Journalisten zeigen sich mit dem Sommerloch zufrieden. Unser Kolumnist Gerhard Hildenbrand findet allerdings, dass es keinen Grund zur Klage gibt.

shz.de von
29. Juli 2012, 03:06 Uhr

Für einige Journalisten ist das Sommerloch-Thema, dass es dieses Jahr kein Sommerloch-Thema gibt. Mit Verlaub, es liegt ja wohl an der Presse selbst, dass sie den Vorschlag des Herrn Chatzimarkakis zum Glossenstoff abgewertet hat. Der FDP-Politiker wollte Touristen, die sich in einem Euro-Schulden-Land in die Sonne legen, staatlich fördern. Und warum ist der DFB-Ehrenpräsident Mayer-Vorfelder nicht auf Seite eins gehoben worden? Hat er doch die Schlagzeile dafür schon vorgeschmettert: "Der Bundestrainer muss die Singpflicht durchsetzen. Notfalls in einem Vier-Augen-Gespräch".
Wer es für eine Neuigkeit hält, dass Banken ihre Kunden reinlegen und FIFA unter Blatter wie MAFIA klingt, der kann natürlich die edelsten Sommerpreziosen im Nachrichtengeschäft schwer erkennen. Zugegeben, dass für manche das religiöse Leben von einem Knabenzipfel abhängt, musste auf vorderstem Platz berichtet und kommentiert werden. Aber dass die Bayern zu beschränkt sind, einen Biber von einem Krokodil zu unterscheiden und deshalb tagelang einen Badesee sperren, das hätte auch mehr als eine Notiz unter "Vermischtes" verdient.
In Berlin haben Spaziergänger einen Riesenwels gesichtet, der kurz auftauchte (etwa so wie der alljährliche Barschel) und ausgerechnet eine Ente verschlang. Und was haben die Zeitungen aus dem Mord an ihrem Lieblingstier gemacht? Stattdessen stürzte sich die Knüllerjournaille auf Ex-Bischöfin Käßmann, die sich mit einem Schmuck-Designer "sogar einen Briefkasten teilt" (Bunte). Das hätten wir im Herbst sowieso von ihr selbst erfahren. Wahrscheinlich in einem weiteren Besinnungsbuch. "Dasein & Design" - oder so ähnlich.

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