Mediengrummel : Reporter der Medienevolution

Der Leser-Reporter - eine "sinnvolle Ergänzung" im Bereich des Journalismus? Dazu gibt es durchaus unterschiedliche Meinungen.

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17. Februar 2009, 12:30 Uhr

"Bild" hat den nächsten Schritt der "Medienevolution" eingeleitet, verkündete Chefredakteur Diekmann. Und wir alle dürfen dabei sein: als "Video-Leser-Reporter" oder gar als Hauptdarsteller. Seit Ende letzten Jahres, als die Handelskette Lidl kleine Videokameras mit "Bild"-Logo angeboten hatte, können die Hobby-Filmer nicht nur "schnell und unkompliziert" Filmchen drehen, sondern diese vom heimischen Computer gleich an die "Bild"-Redaktion übertragen. "Leser- Reporter sind eine sinnvolle Ergänzung und machen den Journalismus interessanter und besser", schwärmt der "Bild"-Chef.
Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes Michael Konken ist davon weniger begeistert: "Das bringt uns im Journalismus nicht weiter und es ist eine Aufforderung, Grenzen zu überschreiten", sagt er. Diese Art von Sensationsjournalismus könne leicht außer Kontrolle geraten.
So könnte es kommen, denn vermutlich geht es "Bild" und allen Blättern, die dem Beispiel bald folgen werden, nicht nur um Firlefanz-Filmchen wie "Wildschwein ließ die Sau raus - Erschossen!" oder "Macht diese scharfe Eisbär-Braut Knut glücklich?". Mord, Todschlag und menschlicher Sex sind allemal interessanter auf dem Voyeurismus-Boulevard.
Nebenbei: Die "Süddeutsche Zeitung" meldete, dass die Freundin eines Terror opfers von Bombay, das im Sterben noch nach Deutschland telefonieren konnte, mit Hilfe eines prominenten Vermittlers ihre Geschichte exklusiv an ein "Leitmedium" verkaufen wollte. Ein kleines Filmchen fürs Internet hätte die Nachfrage gewiss stimuliert, mit Verkaufsoption fürs Fernsehen, versteht sich. Dabei möchte die Dame einfach nur die "Persönlichkeit ihres Freundes gewürdigt wissen." Und den großen und kleinen "Bild"-Reportern geht es eben um besseren Journalismus.
Daran sollten Sie denken, wenn Sie irgendwann in eine missliche Lage und einem penetranten "Leser-Reporter" vor die Kameralinse geraten. Auch daran, dass Sie selbst dann noch groß herauskommen könnten, wenn die "Reportage" nicht bei "Bild-online" publiziert wird, weil sie den Verlagsjuristen zu heiß oder den Redakteuren zu lau erschien. Wer das Video hat, wird es stolz im Freundeskreis präsentieren und eventuell doch noch verschicken. Nicht unbedingt ans Bundeskriminalamt, aber vielleicht an eines der zahlreichen Video-Portale im Internet. Und dagegen ist eine Veröffentlichung bei "Bild-online" noch ein familiärer Dia-Abend.

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