Mediengrummel : Quotendiaspora

Rund 105 Stunden verbrachte der Papst in Deutschland. Vier Minuten dauerte sein "Wort zum Sonntag". Ein Quotenhit wars nicht, meint unser Kolumnist Gerhard Hildenbrand.

shz.de von
25. September 2011, 03:21 Uhr

Quoten sind den Fernsehgöttern heilig, auch den öffentlich-rechtlichen. Quoten entscheiden darüber, wer in den Fernsehhimmel aufsteigt, welche Sendungen zur Hölle fahren und welche im Fegefeuer ausharren müssen. Das kirchliche "Wort zum Sonntag" ist mit durchschnittlich 1,6 Millionen Zuschauern eher im Fegefeuer angesiedelt. Man könnte auch sagen in der samstäglichen Quoten-Diaspora. Und deshalb sprach in unser aller Namen der sendungsbewusste Oberhirte der Gebührenschäflein Volker Herres, Programmdirektor der ARD: "Wir freuen uns, dass Papst Benedikt XVI. sich kurz vor seinem Deutschlandbesuch in einer der traditionsreichsten Sendungen des Deutschen Fernsehens an uns richten wird" Sind WIR jetzt auch noch Herres?
Obwohl die religiösen Heilsbringer zwischen Schunkelstadel und Krimi-Wiederholung nicht automatisch die größten ARD-Quotenbringer sind, gibts dann und wann doch Sternstunden. Eingebettet in die Übertragung eines Boxkampfes, sollen vor zwei Jahren immerhin 3,5 Millionen Seelen dem "Wort zum Sonntag". gelauscht haben. Als Stefan Raab im Jahr 2000 beim europäischen Schlagerwettbewerb "Wadde hadde dudde da" dudelte, profitierte davon auch eine Pfarrerin aus Oldenburg: Fast fünf Millionen Zuschauer hatten sie gesehen, jubelte damals der evangelische Pressedienst. Und Johannes Paul II. hatte im April 1987 mit seiner Ansprache sogar 7,55 Millionen Zuschauer erreicht. Den zweiten Auftritt eines Papstes wollten jetzt nur 2,36 Millionen Unermüdliche sehen, weniger als "Das Wetter im Ersten". Ein Quotenhochamt wars also nicht gerade. Dabei sind WIR doch Papst! Da kann man doch nicht einfach umschalten oder gar sonst wo hin gehen.

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