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Mediengrummel : Pressefreiheit besiegt Kalbskopf

vom

Die Pressefreiheit muss überall verteidigt werden. Auch wenn einem der Appetit manchmal vergeht. Kolumnist Gerhard Hildenbrand berichtet von einer gewonnen Schlacht.

shz.de von
erstellt am 09.Nov.2010 | 08:59 Uhr

Liebe und Magen sind bekanntlich eng miteinander verbunden. Magen und Pressefreiheit auch, wie man dieser Tage unvermutet lesen konnte. Jedenfalls dann, wenn der Magen eines Journalisten mit lieblos gekochtem Essen gefüllt werden soll. "Das Landgericht Köln respektiert die Pressefreiheit der Restauranttester", jubilierte die Zeitschrift "Der Feinschmecker". Was war geschehen?
Der Chef eines Gourmetrestaurants fand, dass sein Koch besser kochte als ein Testesser schrieb. Der berufsmäßige Verkoster notierte bei der Variation von der Gänseleber mit Eis auf säuerlichem Himbeergelee, Mousse-Röllchen und einem arg festen Würfel in Schokolade einen leicht bitteren Nachgeschmack. Der Hummer auf Kalbskopf kam ihm dagegen nahezu aromafrei vor. Und als wäre das alles nicht schlimm genug: das mächtige Soufflé mit Panna cotta war ausdruckslos und die Brötchen zur Vorspeise trocken. Zum Maibock habe der altmodisch-steife Service ("bitte sehr, gnädige Frau") gar ein mehliges Haselnuss-Kartoffel-Püree serviert!
Das Elend, in das der enttäuschte Feinschmecker geraten war, fand sich bereits in einem Taschenbuch wieder, als es dann auch noch in einem "großen Hotel- und Restaurant- Guide" beschrieben werden sollte. Jetzt sei‘s genug, meinte der Gastronom des Edelrestaurants, und wollte die weitere Entweihung seines Gourmettempels per einstweiliger Verfügung verhindern lassen. Das Kölner Landgericht wies sein Ansinnen zurück. Eine Begründung dafür gab’s leider nicht. Egal, wichtig ist allein der Sieg der Pressefreiheit über Kalbskopf & Co.
Ob der erfolgreiche Freiheitskampf der Feinschmecker am Ende dazu beigetragen hat, dass Deutschland in der Liste der Pressefreiheit sich in diesem Jahr um einen Platz auf Rang 17 verbessert hat? Sicher ist nur, dass Finnland, Island, Norwegen und Schweden in Sachen Pressefreiheit an erster Stelle stehen. Obwohl deren Küchen nicht gerade zu den bevorzugten Reisezielen deutscher Topfjournalisten gehören.

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