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Mediengrummel

21. August 2017 | 05:17 Uhr

Mediengrummel : Ohne Bussibussi

vom

In Cannes will man zurzeit sehen und gesehen werden. Kolumnist Gerhard Hildenbrand verweist auf eine andere Filmwelt, die ganz schön aufregend sein kann.

Alles schaut wieder mal nach Cannes. Dabei existiert im Internet eine Filmwelt, die bisweilen so aufregend ist wie die von Cannes, Berlin und Venedig zusammen. Freilich fächert man sich in dieser Welt nicht gegenseitig die Wichtigkeit mit Palmwedeln zu und niemand jagt aufgeregt goldenen Bären und Löwen hinterher. Stattdessen locken Trophäen wie grüne Daumen, gelbe Sternchen oder blaue Fischchen. Wer die verteilt, weiß man nicht so genau. Jedenfalls keine werbewirksam austarierte Promi-Jury; auch kein allgegenwärtiger Filmfest-Prinzipal, der vor allen Mikrophonen den Hansdampf gibt. In der mit kleinen bunten Trophäen geschmückten Internet-Filmwelt scharwenzelt auch kein Reporter um Gala-Gäste, die fürs Bauchpinseln gern ihr Bussibussi vor der Kamera aufführen.
Internet-Videoportale zeigen ihre Filme rund um die Uhr. Täglich gibts Premieren, ohne roten Kinovorleger, ohne Bussibussi, und niemand muss sich seine Eintrittskarte erschleichen. Alle 60 Sekunden werden allein bei YouTube soviel neue Videofilme hochgeladen, dass man damit 24 Stunden füllen kann, sagen die Portalbetreiber. Insgesamt sollen dort Videos für mehr als zwei Millionen Minuten zur Verfügung stehen. Auch die Zuschauerzahlen einiger Darbietungen können sich sehen lassen: Der an Dramatik kaum zu überbietende Singsang "Kleiner Hai" zum Beispiel hat es auf grandiose zwölf Millionen Zuschauer gebracht. Weit über fünf Millionen verbucht "Jede Zelle meines Körpers ist glücklich" - Gänsehaut pur für jede esoterische Party. Selbst der politische Film feiert Erfolge: Stoibers gestammelte Transrapid-Visionen lockten mehr als eine Million Zuschauer. Und wie sich Minister Brüderle mit schwerer Zunge selbst bemitleidet, weil er stehen muss, während sein Kollege Schäuble sitzen kann, hat über hunderttausend Besucher begeistert. Damit ist der FDP-Mann deutlich gefragter als Dackel Max, der in der Halle von Süderbrarup einem Ball hinterher jagt, was bis heute ein einziger Filmfreund sehen wollte.

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erstellt am 18.Mai.2010 | 11:53 Uhr

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