Mediengrummel : Nicht verzagen, Leser fragen

Wenn Journalisten nicht weiter wissen, fragen sie ihre Leser. Deshalb gibt es immer mehr Überschriften mit Fragezeichen, meint unser Kolumnist Gerhard Hildenbrand.

shz.de von
09. Oktober 2012, 08:25 Uhr

"Unsere Leser möchten keine Fragen serviert bekommen, sie wollen Antworten haben", lautete einst die Anweisung eines alten Hasen an den Redaktionsfrischling. Damit war auch klar, dass Fragezeichen in Überschriften streng untersagt waren. Inzwischen hat die "mediale Partizipationskultur" den Redaktionsalltag gründlich verändert. Nicht länger nur Politiker, wartende Flugpassagiere und Spielerfrauen werden gern befragt. Wenn sie nicht mehr weiter wissen, wenden sich Journalisten immer öfter direkt an ihre Leserschaft.
Nicht verzagen, Leser fragen: "Wie trennt man Eigelb von Eiweiß?", war neulich in einer Überschrift zu lesen. Noch kniffliger die Frage in der Schlagzeile: "Wie starb bin Laden wirklich?". Die Redaktion ist offenbar zuversichtlich, dass einer ihrer Leser dabei war und endlich auspackt. "Was hat Heidi mit dem Leibwächter?", "Hatte Jesus eine Frau?" und "Warum läuft die Sesamstraße morgens um acht Uhr?", wollten andere Journalisten von ihren Lesern wissen. Von ähnlicher Dringlichkeit auch das Auskunftsersuchen mit der Titelzeile "Wer ersetzt Dirk Bach?". Da darf man wirklich gespannt sein, was das Publikum seiner Redaktion verraten wird.
Momentan allerdings löst in den bundesweiten Schlagzeilen niemand mehr Fragezeichen aus als das übrig gebliebene Drittel der SPD-Kandidaten-Troika. "Wie viel hat Steinbrück dazuverdient?" und "Wer sind die Auftraggeber?", bedrängen die Journalisten ihre Leser. Ein Boulevard-Blatt will von seiner Leserschaft sogar wissen: "Was kann Steinbrück besser als Merkel?". Auf jeden Fall Kasse machen. Darauf hätten die Blattmacher aber wirklich alleine kommen können.

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