zur Navigation springen
Mediengrummel

20. Oktober 2017 | 00:30 Uhr

Mediengrummel : Nacktmulls Poesie

vom

Literatur hat Zukunft. Der Erfolg einer Berliner Abschreiberin beweist das. Die Medienbranche sucht neue Gesichter, hat unser Kolumnist Gerhard Hildenbrand erfahren.

shz.de von
erstellt am 23.Mär.2010 | 05:34 Uhr

Mein Zeitungshändler möchte nicht von gestern sein. Seinen Kiosk hat er in "Medienhaus Lindbergh" umbenannt und neben aktuellen Druckerzeugnissen, Lottoscheinen und Rauchwaren verkauft er auch Bücher. Solche von der Top-Ten-Liste. "Literatur ist wichtig für das Image meines Unternehmens", sagt Randehard Lindbergh immer. Deshalb hat er die Stellage mit den Taschenbüchern direkt neben der Kasse platziert. Seit an Seit mit den Taschenflachmännern und Süßwaren.
Als ich dieser Tage meine Zeitungen bei ihm hole, schiebt mir Herr Lindbergh einen Stapel bedruckter DIN-A4-Blätter über den Ladentresen. Oben auf steht mittig, groß und fett: "Nacktmulls erotische Poesie". Während er mir vorschwärmt, sein "Literatur-Engagement" ausbauen und dieses Manuskript einem Verlag anbieten zu wollen, blättere ich in den Seiten und lese: "Da wagts mein Arm, sie zu umschließen. Sie ließ es zu. Da wagts mein Mund, die weiße Brust zu küssen. Sie ließ es zu." – "Von Ihnen oder Goethe?", frage ich Herrn Lindbergh. Der schweigt und zeigt bedeutungsvoll auf eine andere Textstelle: "Du sollst mich liebend umschließen, geliebtes, schönes Weib! Umschling mich mit Armen und Füßen und mit dem geschmeidigen Leib." - Das ist von Heine, das weiß ich sicher. - "Randehard, damit kommen Sie nicht durch, bei keinem Verlag! Schon gar nicht nach dem Skandal-Buch von diesem angeblichen Wunderkind, dieser, dieser ... na Sie wissen schon, dieser gerade mal 18-Jährigen, die beim Abschreiben erwischt worden ist.“
Lindbergh lässt das Manuskript in einer Schublade unterm Ladentresen verschwinden: "Das sehe ich völlig anders. Die Verlage und die Feuilletons sind verrückt nach Erotik und unverbrauchten Gesichtern." Und dabei grinst er ziemlich überheblich, wie ich finde. "So blöd ist doch kein Lektor", maule ich zurück, "Sie haben doch Zeile für Zeile bei allen möglichen Autoren abgekupfert". - "Nicht ich", sagt Herr Lindbergh triumphierend, "meine Enkelin. Und die ist sogar sieben Jahre jünger als diese, diese ... na Sie wissen schon."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen