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Mediengrummel

18. Dezember 2017 | 04:48 Uhr

Mediengrummel : Mal angenommen...

vom

Weihnachtszeit - die Zeit des Auspackens, auch in den Medien. Aber manches soll doch lieber verpackt bleiben, argwöhnt unser Kolumnist Gerhard Hildenbrand.

shz.de von
erstellt am 14.Dez.2010 | 09:22 Uhr

Mal angenommen, die Fernsehvolontärin hätte vor drei Wochen in der Redaktionssitzung vorgeschlagen, einen kritischen Beitrag über die Bundesregierung zu senden. Ihr sei aufgefallen, dass die Bundeskanzlerin ziemlich unkreativ sei. Der Seehofer übertünche seine Unkenntnis mit Populismus, der Schäuble habe wie ein zorniger alter Mann seinen Sprecher zur Minna gemacht, Westerwelle sei so eitel und hitzig wie Niebel mit seiner albernen Mütze schräg daherkomme. Allein der Guttenberg glänze mit seiner Margarinefrisur. Heiterkeit wäre in der Redakteursrunde aufgekommen: "Junge Freundin, und wo ist die Neuigkeit? Wurde alles schon tausendmal verbreitet. Schauen Sie sich lieber auf dem Weihnachtsmarkt um, was der Punsch dieses Jahr kostet. Das interessiert unsere Zuschauer!".
Mal angenommen, die Volontärin lässt sich nicht entmutigen und nimmt einen neuen Anlauf: Wir könnten versuchen, an die eine oder andere Banken-CD aus Liechtenstein ranzukommen und Namen und Kontostände dieser ehrenwerten Gesellschaft veröffentlichen. Oder Licht in den Lobbyisten-Dschungel in Berlin und Brüssel bringen, damit unsere Zuschauer genau wissen, wer für wen zu welchem Handgeld als dienstbarer Geist in Parlament und Ausschüssen zur Verfügung steht. "Schön und gut", sagt jemand in der Redaktionsrunde, "aber wie sollen wir hinterher noch Promis für unsere Talk-Shows finden?".
Mal angenommen, die Redaktionsnovizin kommt jetzt richtig in Fahrt: Die FIFA, die UEFA und das Internationale Olympische Komitee könnte man sich "investigativ" vornehmen. Gegen diese Geheimbünde sei Nordkorea ein Hort des Exhibitionismus. "Und Sie, junge Frau", witzelt der Sportchef, "Sie erklären dann unseren Zuschauern, warum unser Sender diesen Organisationen Hunderte von Millionen für Übertragungsrechte zuschustert?".
Nur mal angenommen, die Ideen der hoffnungsvollen Nachwuchsjournalistin landen wie immer im Redaktionspapierkorb. Tja dann, dann warten wir einfach wieder auf WikiLeaks.

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