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Mediengrummel

18. August 2017 | 00:10 Uhr

Mediengrummel : Kuschel-Tatort

vom

Über ein Drittel der Filme im Fernsehen sind Krimis. Die Deutschen finden das offenbar ziemlich kuschelig, hat unser Kolumnist Gerhard Hildenbrand gelesen.

Wenn Blut aus Schusswunden sickert, Fliegenlarven sich auf Leichen tummeln und Pathologen ihre „Kalte Platte“ mit Herz, Niere und Leber anrichten, dann macht es sich das Fernsehvolk gemütlich. Jedenfalls sonntags, beim „Tatort“. Ein Wissenschaftler hat herausgefunden, dass die Krimi-Serie den Zuschauern „ein Stück Geborgenheit ins Wohnzimmer bringt“. Der Zuschauer kuschele sich auf dem vertrauten Sofa bereits gesehener Folgen ein und freut sich auf die nächste.

Am 3. Advent müssen die Mord- und Totschlag-Kuschler länger als sonst warten, bis Wohlbehagen in die Stube einkehrt. Zum ersten Mal seit 43 Jahren darf ein „Tatort“ aus Gründen des Jugendschutzes erst um 22 Uhr ausgestrahlt werden. Den Film mit den Kölner Ermittlern „können unter Zwölfjährige noch nicht verarbeiten“, sagt der WDR-Fernsehspielchef. Obwohl der „Tatort“ im Prinzip ein Familienfilm sei, der für Zwölfjährige „kompatibel“ sein müsse, sei die spätere Anfangszeit für den Sender kein Problem, beruhigt uns der Fernsehmann noch.

ARD-Programmdirektor Herres schimpfte neulich, die Hälfte der Filme im ZDF seien Krimis, der hohen Einschaltquoten wegen. Bei der ARD sei es nicht einmal jeder vierte Film. In Fernsehdeutschland wird gemordet, entführt und erpresst wie noch nie, hat der „Spiegel“ geschrieben. 37 Prozent der Filmzeiten entfielen auf Krimis. Wenigstens hat der eingangs erwähnte Professor im „Tatort“ keine Radikalität entdeckt. Zwar werde immer wieder ausgetestet, was geht und was nicht, doch Fernsehkrimis dürfen nie gesellschaftlich radikal sein, sagt er. Wer will das schon, wenn Til Schweiger uns mal wieder knallhart in die Geborgenheit ballert.

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erstellt am 21.Okt.2013 | 00:33 Uhr

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