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Mediengrummel

11. Dezember 2017 | 20:31 Uhr

Mediengrummel : Kreative Anarchie

vom

Auch wenn Sie Rundfunkgebühren bezahlen, heißt das nicht, dass Ihnen die Nachrichten der "Tagesschau" gehören. Gerhard Hildenbrand über einen Irrwitz aus der Medienwelt.

shz.de von
erstellt am 30.Sep.2010 | 08:54 Uhr

Mancher Blödsinn ist so unbeschreiblich, dass es neuer Wortschöpfungen bedarf. Weil die private Medienwirtschaft um Einnahmen bangt, darf die öffentlich-rechtliche Konkurrenz ihre eigenen Inhalte im Internet nur noch unter strengen Auflagen und zeitlich eng begrenzt veröffentlichen. Zu diesem Zweck haben die Ministerpräsidenten ein aberwitziges Verfahren beschlossen: den "Drei-Stufen-Test". Jetzt sind die Redaktionen von ARD, ZDF und Deutschlandradio nicht nur mit dem Publizieren von Nachrichten und Hintergründen beschäftigt, sie müssen sie nach Fristablauf auch selbst löschen: "depublizieren". Das Wort gab’s bislang nicht, aber dass Journalisten ihre Beiträge mit einer Verfallszeit versehen und wieder vernichten müssen, ist ja ebenfalls neu.
Ein paar beherzte Menschen sind allerdings der Meinung, dass journalistische Beiträge und Themen-Archive, die mit Rundfunkgebühren bezahlt worden sind, auf Dauer ins Netz gehören. Deshalb können wir seit kurzem unter depub.org rund 200.000 "Tagesschau"-Meldungen wieder finden, die längst gelöscht waren. Die unbekannten Netzpiraten haben kurzerhand das ARD-Nachrichten-Archiv geentert und geben es uns unter depub.org zurück. Nennt man das jetzt "dedepublizieren"?
Die für die "Tagesschau" zuständigen hauptamtlichen Depublizisten des NDR scheinen inzwischen Gefallen an ihrer neuen Aufgabe gefunden zu haben: Sie wollen "mit allen juristischen Mitteln" gegen depub.org kämpfen und die Beiträge dort, also die eigenen, noch einmal löschen, quasi "redepublizieren". Die Vorsitzende des NDR-Rundfunkrates, Dagmar Gräfin Kerssenbrock, sieht das auf ihrer Homepage etwas lockerer. Wer "den durchschlagenden Erfolg des Drei-Stufen-Tests bewundern will", sollte die "illegale Seite" depub.org anwählen, rät sie. In einer Pressemitteilung lässt die adelige Rebellin uns gar wissen, sie halte die verbotene Seite für ein Beispiel "kreativer Anarchie". Nein, nicht doch, sagen Sie nicht so was, werte Gräfin! Nicht beim NDR!

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