zur Navigation springen

Mediengrummel : Kommunikationspatienten

vom

Gespräche im ärztlichen Wartezimmer handeln nicht mehr nur von Schnupfen und Husten. Das Kommunikationszeitalter hinterlässt Spuren, hat Gerhard Hildenbrand beobachtet.

Weil in ärztlichen Wartezimmern Handys unerwünscht sind, schweigt man vor sich hin oder unterhält sich über die Krankheiten, die man sich als mündiger Patient zuvor im Internet ausgesucht hat und gleich vom Arzt bestätigt wissen möchte. Meist handelt es sich dabei um Zivilisationskrankheiten wie blaue Flecken nach Skateboard-Touren oder Kopfschmerzen nach Betriebsfeiern. Immer häufiger aber bieten einschlägige Seiten im Internet auch moderne Kommunikationskrankheiten an. Neulich beim Orthopäden. Versuch, ein Gespräch in Gang zu bringen: "Ich hab’ Rücken. Ganzen Tag am Computer".
Mein Sitznachbar zeigt mir im Gegenzug stolz seinen angewinkelten Mausarm. Weil es früher mehr Tennis- als Computerspieler gab, hieß das Gebrechen vor Jahren noch Tennisarm. Der Schüler gegenüber jammert, er habe sich einen Joystick-Finger eingefangen. Der bildet sich vor allem bei Jüngeren, die mit Hilfe des Steuerknüppels permanent als Serienkiller über den Bildschirm hetzen müssen. Erste Fälle der Weißfingerkrankheit sollen auch schon aufgetaucht sein. Gewöhnlich leiden darunter Arbeiter, die mit Presslufthämmern oder Kettensägen schuften müssen. Aber wenn jemand den ganzen Tag Autorennen im Vibrationsmodus spielt hab ich im Internet gelesen.
Als ich Blickkontakt zu dem Business-Anzug am Fenster bekomme, sprudelt’s aus dem heraus: "Muss häufig Bilder und Videos auf meinem iPhone anschauen, dazu muss ich das Ding in der Hand drehen. Verspanne mich dabei immer total. Gelenkschmerzen, iPhone-Schulter!" Herrje, denke ich, und digitale Inkontinenz wahrscheinlich auch noch. "Neulich, beim HNO-Arzt, hab ich einen getroffen, der hatte ein Handy-Ohr, knallrot und wie angetackert am Kopf", flüstert mir mein Nachbar zu. "Und die Kleine?", frag ich die Mutter mit der ca. 7-jährigen Nachwuchspatientin auf dem Schoß. "SMS-Daumen, fortgeschrittenes Stadium." Da fällt mir wieder ein, dass in Gießen ein Klinikpfarrer per SMS Gebete an seine Patienten verschickt. Das Trost- und Beistand-Abo soll 79,90 Euro im Jahr kosten. Vielleicht hätt ichs der Mutter doch sagen sollen.

zur Startseite

von
erstellt am 01.Sep.2010 | 07:08 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen