Mediengrummel : Kollege Roboter

In den Redaktionen verbreitet sich Angst vor dem Roboterjournalismus. Unser Kolumnist Gerhard Hildenbrand hat daran immerhin eine gute Seite entdeckt.

shz.de von
02. Juni 2014, 06:30 Uhr

Im Jahre 2003 machte unter Journalisten das Wort "Scholzomat" die Runde. Man musste ihm nur eine kurze Frage stellen, etwa zur rot-grünen "Agenda 2010", sofort gab der Scholzomat einen monotonen Wortschwall von sich und war kaum zu stoppen. Der Scholzomat war wie der Parteiapparat, nur war er aus Fleisch und Blut. Er hörte auf den Vornamen Olaf  und ist heute Erster Bürgermeister von Hamburg. Im Nachhinein fand er die Bezeichnung richtig. "Es war so", gab er zehn Jahre später in einem "Zeit"-Interview zu.

Von den politischen Sprechautomaten zum Roboterjournalismus ist der Weg kurz. Phrasen und Floskeln sind nicht nur leicht dahin gesagt, sondern auch schnell geschrieben. Dabei gilt: Je formelhafter die Mitteilungen, desto eher können die Nachrichten von Robotern verfasst und Journalisten eingespart werden. In den USA, so schreibt die "Welt", ist von einem durchschnittlichen Preis von zehn Dollar für einen 500 Wörter langen Roboter-Artikel die Rede. Weniger als ein Zehntel des Betrages, den ein freier Journalist in Deutschland im Schnitt für einen Text dieser Länge erhält.

Bei Börsen- und Finanznachrichten klappt der Roboterjournalismus schon ganz gut. Auch im Sport geht's voran. Auf amerikanischen Internetseiten sind jeden Monat Roboter-Berichte von Baseball und Basketball zu lesen. Bei Fußballspielen dauert's noch etwas, bevor eines Tages in Sekundenschnelle Spielberichte entstehen. 2022 ist es bestimmt soweit. Die gute Nachricht: Dann muss kein Fußballreporter während der Weltmeisterschaft in Katar bei 50 Grad darben. Den schweren Job erledigt einfach der  hitzebeständige Kollege Roboter. Die Journalisten dürfen zu Hause am Ofen sitzen.

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