Mediengrummel : Kaffeehaus Digital

Laptops, Tablets und Smartphones halten Einzug in die traditionellen Wiener Kaffeehäuser. Unser Kolumnist Gerhard Hildenbrand ahnt, wie das alles enden wird.

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07. April 2013, 02:01 Uhr

Wieder ein Refugium weniger in der analogen Welt. Neuerdings bieten sechs Wiener Kaffeehäuser ihren Besuchern Zeitungen nicht nur an der Holzstange, sondern auch digital an. Den Kunden stehen 122 Blätter als elektronische Lektüre zur Verfügung. Laptops, Tablets oder Smartphones sind mitzubringen. Der Obmann der Kaffeehausbesitzer meint, die Wiener Kaffeehaustradition hat doch schon immer für Offenheit gestanden und er nennt sich "Pionier". Wenn er das mal nicht bald bereut.

Wer sich auf Flughäfen, Bahnhöfen oder in modischen Ketten-Restaurants umschaut, bekommt eine Ahnung, wies im Kaffeehaus Digital bald zugehen könnte. Menschen stieren auf leuchtende Bildschirme, machen fahrige Handbewegungen, verstopfen sich die Ohren mit "In-Ear Headphones" und brabbeln vor sich hin. Jeder für sich, alle für Apple & Co.

Seinen Kaffee genießen, in der Zeitung blättern, Neuigkeiten und Meinungen austauschen oder einfach dem Treiben um sich herum zuschauen - das war Kaffeehaus gestern. Einst hatten dort Literaten und andere Gäste "viel zur intellektuellen Beweglichkeit des Österreichers" (Stefan Zweig) beigetragen. Eine Kaffeehausszene der handfesten Art hat Arthur Schnitzler aufgeschrieben: "Gestern abends hat Salten im Kaffeehaus noch den kleinen Kraus geohrfeigt, was allseitig freudig begrüßt wurde." In Erinnerung dessen, was dem streitlustigen Karl Kraus damals widerfuhr, sollten Kaffehausbesucher von heute ihre digitalen Gerätschaften besser nicht auspacken. Wenn doch, könnte vielleicht ein Kellner zufällig sein volles Serviertablett über einem aufgeklappten Notebook entleeren. Was allseitig freudig begrüßt werden könnte.

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