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Mediengrummel : Jeder wie er verdient

vom

Mit ein bisschen Sprachkosmetik ist manches in dieser Welt gar nicht mehr so schlimm wies scheint. Unserem Kolumnisten Gerhard Hildenbrand ist dieser Tage einiges aufgefallen.

shz.de von
erstellt am 02.Mär.2010 | 07:02 Uhr

"Google" lässt sich nicht so leicht in die Irre führen: "Es wurden keine mit Ihrer Suchanfrage Hartz-IV-Sünder übereinstimmenden Dokumente gefunden". Klar, die keine Hilfe brauchen und den Staat übers Ohr hauen, sind Hartz-IV-Betrüger und sonst nichts. Nicht so die Steuerbetrüger: Die heißen - weil Betrügereien bestraft und Sünden vergeben werden - Steuersünder; ähnlich den Alkoholsündern am Steuer, die sich gelegentlich über sich selbst erschrecken und deshalb gut von den Steuersündern zu unterscheiden sind. Die erschrecken nur, wenn sie von anderen betrogen werden - von Bankräubern etwa, die geheime Daten erbeuten und diese beim Finanzamt in Bargeld umtauschen – als gäbe es keinen Rechtsstaat!
Jeder wie er verdient. Ein Profisportler, der seine Konkurrenz mithilfe verbotener Mittelchen austrickst und erwischt wird, ist in der Presse kein Dopingbetrüger, sondern ein Dopingsünder. Dafür muss er ein, zwei Jährchen ins olympische Fegefeuer, bevor Sportreporter ihn wieder in den Medaillen-Himmel heben dürfen. Einer, der sich mit Schmiergeldern in der Politik ein wenig Beistand für sein Waffengeschäft kauft, ist erst recht kein Betrüger, nicht einmal ein armer Sünder. Er firmiert in den Nachrichten als Waffen-Lobbyist. Wer sich mit Käuflichkeit und Korruption in Verbindung bringen lässt, hat ohnehin selbst Schuld. Die hässlichen Wörter lassen sich mit ein bisschen Kreativität leicht vermeiden: Ministerpräsidenten in "Partnerpaketen", "separate Fachgespräche" mit Sponsoren oder ein Ticket für den Platz am "Top-VIP-Tisch" drücken das Nehmen und Geben auf Parteitreffen gleich viel freundlicher aus.
Noch schändlicher als Korruption ist Kindesmissbrauch. "Übergriffe im sexuellen Bereich" von Priestern mit "lebenslanger Prägung" erlebt die katholische Kirche nicht zum ersten Mal. Von "Fällen", "Vorfällen", meist "Missbrauchsfällen" ist zu lesen. "Wir müssen den Mut aufbringen, Unrecht sofort beim Namen zu nennen", sagte Bischof Zollitsch dieser Tage. Am Wortschatz kann das nicht scheitern, der bietet in weltlichen "Fällen" schnell die passenden Namen: Sexualverbrechen und Vergewaltigung, Kinderschänder und Triebtäter - um nur ein paar zu nennen.

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