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Mediengrummel : Gute Zeiten für Zeitungsenten

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Sie fliegt rund um die Welt und gründelt gern im Sommerloch: Die Zeitungsente. Woher der Vogel kommt ergründet Kolumnist Gerhard Hildenbrand.

shz.de von
erstellt am 12.Aug.2009 | 08:04 Uhr

In der Welt des Journalismus gehts manchmal tierisch zu. Kleine, unappetitliche Geschöpfe werden dann und wann heimlich in Redaktionstelefonen ausgesetzt. Größere Tiere, die eher in Ställen zu Hause sind, treiben bisweilen in Redaktionsstuben ihr Unwesen oder müssen im Medienrummel einfach nur als Namensgeber herhalten. Eine besondere Medienkreatur, die nur auf den ersten Blick possierlich erscheint, ist die Zeitungsente. Man sollte sich vor ihr in acht nehmen.

Wer die Zeitungsente zum ersten Mal gesehen und ihr den Namen gegeben hat, ist in der Fachwelt umstritten. Gelegentlich wird Paracelsus bemüht, der Ärzte von "blauen Enten" sprechen ließ, was so viel heißt, dass sie allerlei dummes Zeug fabulierten. Luther soll das Wort "Lügend" im Zusammenhang mit Heiligenverehrung verwendet haben, woraus "Lug-Ente" enstanden und schließlich nur noch die "Ente" übrig geblieben sein soll. Eine neuzeitliche Erklärung meint, dass die Abkürzung "N.T." (not testified oder not true) für die Zeitungsente Pate gestanden habe. Klingt logisch, ist aber selbst wohl nur ein Falschmeldung, die Flügel bekommen hat. Höchstwahrscheinlich stammen die Zeitungsenten aus Frankreich. Gedruckte Flugblätter, die auf der Strasse verkauft werden, hießen dort "canards"/Enten. Und "donner des canards à quelquun" heißt schlicht: Jemand etwas weiß machen.
Im Schlamm gründelnd
Wo Zeitungsenten im Schlamm gründeln, wird’s trüb und undurchsichtig wie im Loch Ness; wenn sie brüten, kommt meist nichts Gutes heraus, im besten Falle ein Ergebnis zwischen peinlich und lächerlich. Wie sich Zeitungsenten vermehren, weiß keiner genau. Mitunter haben Verhütungsmittel versagt, häufig hat irgendjemand einfach nicht aufgepasst. Wenn sie dann erst mal da sind, lässt man sie aus Bequemlichkeit einfach herumlaufen, erst recht, wenn sie wohlfeil und gefällig daherkommen.
Zeitungsenten fliegen rund um die Welt, können Panik auslösen oder Börsenkurse steigen lassen, überbringen Gruselgeschichten und Nachrichten von Tragödien, verschwinden plötzlich und sind doch unsterblich. Andere sind einfach nur komisch. Die Mär vom "Einser-Jurist Stoiber" ist solch ein journalistisches Nachgeschnatter, das immer wieder zu hören ist. Tatsächlich schloss der Wortakrobat aus Bayern sein Examen mit 3,0 ab. Einmal mutierte sogar ein Bär zur Zeitungsente. Angeblich wollte ein Tierschützer Kuschel-Knut per Todesspritze aus seinem Berliner Zoogefängnis in den Eisbärenhimmel befördern. Tagelang watschelte diese Falschmeldung durch den Blätterwald und löste nationalen Entenalarm aus.
Die Zeit ist mal wieder gut für Zeitungsenten. Zum einen sind die Ohrenbläser für den Wahlkampf unterwegs. Zum anderen, geben sich Politiker und Journalisten alle Mühe, das mediale Sommerloch zu füllen. Und darin schwimmen die Zeitungsenten besonders gern.

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