Mediengrummel : Geschmackssache

Adjektive sollte man meiden, aber Geschmackswörter wie „heiß“ oder „kalt“ lösen ungeahnte Gehirnaktivität aus. Auch bei unserem Kolumnisten Gerhard Hildenbrand.

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23. Juni 2014, 06:30 Uhr

Adjektive sind etwas für Geschwätzige. Meist plustern sie Sätze auf und lenken ab. Also Misstrauen gegenüber Wie-Wörtern, beim Schreiben und beim Lesen! Das heißt nicht, dass Adjektive nicht auch ihre Wirkung tun. Beispielsweise in Geschmacksmetaphern. Zwei Wissenschaftlerinnen haben entdeckt, dass ein Satz wie „Die Trennung war bitter für ihn“ mehr Gehirnregionen aktiviert als der Satz „Die Trennung war schlecht für ihn“. Die Forscherinnen kommen zum Schluss, dass selbst herkömmliche Geschmackswörter wie „süß“ oder „heiß“ auf Leser stärker wirken als „nett“ oder „sexy“.

Die Erkenntnis ist nicht nur für die Werbetexter der Lebensmittelindustrie von Bedeutung. Dort hat sich herumgesprochen, dass „aromatische“ Speisen bei den Käufern besser ankommen als „gute“ und „saftige“ Pfirsiche besser als „spanische“. Auch in den Medien – erst recht in der Politik – ließe sich manch fader Text mit Geschmackswörtern würzen. An die tausend Wörter soll der Geschmackswortschatz der deutschen Sprache umfassen. Mit diesem Vermögen könnten Journalisten die FIFA beispielsweise gerne mal als ranzig und modrig beschreiben. Das dürfte zwar dem Altmänner-Club nicht schmecken, wäre aber Feinkost für die Lesergehirne. Wenn ein Ministerpräsident sagt: „Die Politik braucht starke, braucht mutige Denker …“, verbreitet sich Langeweile im Publikum, ehe der käsige Satz vollbracht ist. Wo doch jeder weiß, dass Denker ohne Adjektive ausreichen würden. Man stelle sich trotzdem vor, ein Redner fordert „knusprige und knackige Denker“. Die Zuhörer würden noch auf dem Nachhauseweg über die Formulierung diskutieren.

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