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Mediengrummel

20. September 2017 | 11:32 Uhr

Mediengrummel : Gedenkzustände

vom

Auch wenn der Daumen nach unten zeigt, in der digitalen Welt können Facebook-Nutzer weiterleben. Kolumnist Gerhard Hildenbrand macht das nachdenklich.

shz.de von
erstellt am 07.04.2014 | 06:30 Uhr

Gibt's ein Leben nach dem Tod? Bei Facebook schon. Zwar zeigt angeblich alle 20 Sekunden für ein Facebook-Mitglied der Daumen endgültig nach unten, aber das Ende im sozialen Netzwerk muss das noch lange nicht bedeuten. Dort existieren Menschen einfach weiter, obwohl sie sich von ihrem ersten Leben längst verabschiedet haben. Zwischen zehn und 20 Millionen Kunden sollen es sein, die bei Facebook ihr Dasein fristen, nach dem zwar ihr Lebenslicht, nicht aber ihr Benutzer-Profil gelöscht wurde. Solange sich keine Hinterbliebenen um ihre Konten kümmern, bleibt alles beim Alten. Allerdings können die Angehörigen auch ein "Formular" ausfüllen, "um das Versetzen des Kontos einer verstorbenen Person in den Gedenkzustand zu beantragen", heißt es bei Facebook in feinstem Behördendeutsch. Damit wäre dem Facebook-Freund das ewige Leben allemal sicher. Man kann es allerdings auch so sehen: Facebook-Gründer Zuckerberg besitzt nicht nur ein 30 Milliarden schweres Privatvermögen, sondern auch den wohl größten Friedhof der Welt.

Wer will, kann sein Konto samt Gedenkzustand auch auf null setzen lassen. Aber das sollte man sich gut überlegen. Hat doch jeder Facebook-Konto-Inhaber im Schnitt 342 Freunde. Bei einer Gedenkfeier in der realen Welt werden es wohl die wenigsten auf eine ähnliche Teilnehmerzahl bringen. Selbst wenn alle Feinde und Verflossenen mit am Grab stehen. Bei zehn Millionen nicht abgemeldeten Facebook-Entschlafenen besteht der Freundeskreis rechnerisch aus 3,4 Milliarden Personen. Das entspricht fast der Hälfte der Menschheit. Ein Gedenkzustand, bei dem Blumenhändler und Akquisiteure von Traueranzeigen vor Neid erblassen.

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