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Mediengrummel : Briefe an sich und andere

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Wer schreibt wird nicht vergessen. Das erhoffen sich auch einige neuzeitliche Briefeschreiber. Unser Kolumnist Gerhard Hildenbrand hat darüber geschrieben.

shz.de von
erstellt am 15.Mär.2010 | 07:37 Uhr

"Bist Du auch unterwärts gut angezogen?" könnte in elterlicher Fürsorge als knappe SMS an einen im kühlen Norden lebenden Spross "gesimst" worden sein. Wurde aber nicht. Die etwas angestaubte Wortwahl lässt es schon vermuten. Erich Maria Remarque hatte die Frage 1937 ins winterliche New York geschickt, an seine "geliebte Sanfte" Marlene Dietrich. Per Brief. So ist uns Remarques Besorgnis erhalten geblieben. Heutzutage würde der Satz sicherlich nach kurzer Zeit von einem randvollen Handy-Speicher für immer gelöscht werden.
Einst waren Briefe unentbehrlich, wenn man Gedanken mitteilen oder austauschen wollte: Also schrieb Apostel Paulus an seine weit verstreute Gemeinde, Beethoven an eine unbekannte Angebetete und Mozart an alle Welt. Schiller korrespondierte mit Goethe, Voltaire mit Friedrich dem Großen und Einstein mit Freud. Korrespondenzen bedeutender Briefeschreiber füllen Bücher. Wer schreibt, der bleibt; mindestens bringt er sich in Erinnerung. Darauf spekuliert auch manche Person der Neuzeit. Eine hat gerade unter Medien-Trara einen Brief an ihr eigenes, ach so bedauernswertes Promi-Leben geschrieben, andere schicken dieser Tage Bettelbriefe an den Osterhasen. Zwar sind beide Adressen von keinem Briefträger ausfindig zu machen, aber das ist nicht schlimm. So bleibt den Absendern wenigstens die harsche Antwort erspart, Hase und Leben möchten in Zukunft lieber vor solchem Schmarren verschont werden.
Ein weiterer zeitgenössischer Briefeschreiber verschickt seine Post regelmäßig über eine Boulevardzeitung. Er hat seinem Leben offenbar nichts mehr zu sagen und verfasst nun aufwühlende Briefe an den "Lieben Turm von Dubai", das "Liebe Kreditkarten-Debakel" oder den "Lieben Schnee". Antworten stehen noch aus. Auch vom "Lieben Quelle-Katalog", der aber ohnehin schon geschreddert war, als die Post an ihn raus ging. Und so klagte der trübsinnige Verfasser: "Man weint, als wäre der Quelle-Katalog ein Mensch."
Angesichts solcher Briefe lernt man dann doch den "Short Message Service" (SMS) schätzen, der es erlaubt, Texte so fix zu löschen, wie sie geschrieben wurden. Oder den Vorteil einer E-Mail, die als "Spam" markiert ungelesen im Schreibmüll landet.

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