Moore : Nasse Füße sind hier erwünscht

Weite Flächen, viel Wasser und möglichst gar keine Bäume – so soll ein Moor aussehen. Gebiete wie das Endla-Moor in Estland sind in Zentraleuropa fast gar nicht mehr zu finden. Foto: Kuno Brehm
Weite Flächen, viel Wasser und möglichst gar keine Bäume – so soll ein Moor aussehen. Gebiete wie das Endla-Moor in Estland sind in Zentraleuropa fast gar nicht mehr zu finden. Foto: Kuno Brehm

Moore sind wertvoll: Für verschiedene Tier- und Pflanzenarten, als Klimaschützer und als eine Art Geschichtsbuch.

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28. März 2013, 04:08 Uhr

Im Wilden Moor bei Schwabstedt ist nichts mehr schaurig. Im Fockbeker Moor bei Rendsburg muss kein Spaziergänger fürchten, sich zu verlaufen. Und auch das Dosenmoor bei Neumünster dient als Naherholungsgebiet. Düster ist es in den schleswig-holsteinischen Mooren nicht mehr - jedenfalls aus dem Blickwinkel der Städter. Doch für Ökologen, Biologen und Naturschützer sieht die Zukunft dieser Landschaftsform düster aus. Zwar werden immer mehr Moore renaturiert. Doch "wir haben in ganz Schleswig-Holstein kein einziges ursprüngliches Moor mehr", sagt Dr. Kuno Brehm. Ist dieses Ökosystem intakt, ist es weit mehr als ein Erholungsgebiet, betont der Moorexperte aus Bokelholm (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Dann dient es dem Klimaschutz, erfüllt eine Funktion als Archiv der Landschaftsentwicklung sowie als Lebensraum für spezielle Pflanzen und Tiere.

Zwar ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch im Moor versinkt, heute gering. Aber ein im Königsmoor (Eider-Treene-Sorge Niederung) versunkener Bagger sorgte vor einigen Wochen bundesweit für Schlagzeilen. Die 62 Hektar große Fläche wird von der Stiftung Naturschutz renaturiert. Das heißt: Binsen und Birken werden entfernt, den sie haben in einem Moor nichts zu suchen. Außerdem werden Wälle aufgeschüttet, damit das Wasser nicht weiter abläuft. Ein Hochmoor ist uhrglasförmig gewölbt, erklärt Brehm. "Früher war das Land von einem Sumpfgürtel umgeben", in dem sich Wasser sammelte. Diese Gürtel existieren heute kaum noch.

Moore sind Klimaschützer

Viel Wasser und wenige bis keine Bäume - so sieht ein ursprüngliches Moor aus. Aber vor rund 200 Jahren begannen die Menschen, die Moore trocken zu legen und Torf abzubauen. So erhielten Anfang des 19. Jahrhunderts die Neubürger im Rendsburger Neuwerk eine Parzelle im Moor, erzählt Kuno Brehm. Auf dieser Parzelle durften sie Torf stechen - das als Brennstoff diente. Heute findet Torf vielfach im Garten Verwendung. Wer genau hinschaut, der weiß, dass sich dieses Sediment an der Luft zersetzt. "Und dabei entsteht Kohlendioxyd", erklärt der Naturschützer. 9,3 Prozent allen CO2-Ausstoßes entstehe durch Torfzerstetzung. "Das ist ein erheblicher Wert", so der Experte. Und vergleicht ihn mit der Menge CO2, die einen Auto-Auspuff verlässt. "Wenn Ihr Wagen sechs Liter Kraftstoff auf einhundert Kilometer verbraucht", erklärt Brehm, "und Sie fahren einmal um die Erde - das sind rund 40 000 Kilometer- dann haben Sie so viel Kohlendioxyd produziert wie jährlich auf einer ein Hektar großen Torffläche entstehen".

Schleswig-Holstein verfügt über rund 150000 Hektar Torffläche. Wenn der Großteil wieder vernässt ist, wird damit auch ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet, erklärt Thomas Voigt von der Stiftung Naturschutz. Die Stiftung betreut etliche Moorflächen und sie setzt das Moorschutzprogramm des Landes um - für das Kuno Brehm sich stark gemacht hatte. Außerdem beschloss der Landtag 2008 einen Moorschutz-Fonds, der aus Ausgleichszahlungen von Bauvorhaben gespeist wird.

Moore konservieren tausende Jahre alte Spuren

Neben dem Klimaschutz hat das Moor aber noch eine weitere Bedeutung: In den unberührten Boden eingelagert ist Pollenstaub der vergangenen Jahrhunderte, der Wissenschaftlern darüber Auskunft gibt, was vor 5000 bis 8000 Jahren in der Region wuchs. Auch Werkzeuge oder Leichen werden vom Moor konserviert und können den Archäologen wertvolle Erkenntnisse liefern. Das Argument, es sei doch alles bekannt, lässt Brehm nicht gelten. Spätere Generationen verfügen wahrscheinlich über noch bessere Analysemethoden, vermutet der Experte und könnten einem gut erhaltenen Moor neue Erkenntnisse entlocken.

Und dann sind da noch die tierischen und pflanzlichen Spezialisten des Moores: Weil auch sie nasse Füße bekommen, mussten sie zum Teil eigenwillige Methoden entwickeln, um an den lebenswichtigen Sauerstoff zu gelangen (der im Wasser kaum enthalten ist). Der Sonnentau zum Beispiel hat sich darauf verlegt, Insekten zu fangen. Dazu kommt, dass das Moorwasser extrem sauer ist - mit den unterschiedlichen PH-Werten kommen 25 verschiedene Arten von Torfmoosen allerdings bestens zu recht. Diese besondere Flora und Fauna trägt nicht nur zur Biodiversität bei (Vielfalt) - sie macht die Moore eben auch zu einem besonderen Erlebnisraum.

Die Fläche
>> 1956 gab es in Schleswig-Holstein noch etwa 180000 Hektar Moorflächen, (45000 Hektar Hochmoor und 135000 Hektar Niedermoor).
>> Aktuell – Stand 2010 – sind es rund 145000 Hektar
>> Von den 145000 Hektar Moorböden sind nur noch 30500 Hektar (21 Prozent) als ökologisch hochwertig anzusehen.

Die Ökologie
>> Nur auf knapp 14 Prozent der Niedermoorstandorte werden typische (ökologisch wertvolle) Biotope gefunden.
>> Lediglich knapp sieben Prozent der Hochmoore weisen wertvolle Biotope auf.
>> Die verbleibenden Flächen befinden sich zum größten Teil in mehr oder weniger intensiver, landwirtschaftlicher Nutzung (circa 80 Prozent) und werden deshalb weitestgehend entwässert.

Kohlendioxyd
>> Als CO2-Senken gelten gut 30500 Hektar (21 Prozent).
>> 114457 Hektar (79 Prozent) kann man als C02-Quellen ansehen.
>> Allein die Emissionen entwässerter Moore in Schleswig-Holstein werden vom Landesamt für Landwirtschaft und ländliche Räume auf rund 2,3 Millionen Tonnen Kohlendioxidäquivalente geschätzt. Dies entspricht einem Anteil von etwa neun Prozent an den Gesamtemissionen.

Moorschutz
>> 2008 hat die Landesregierung ein Moorschutzprogramm aufgelegt, das überwiegend mit Geldern des „Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums“ gespeist wird. Die Maßnahmen werden jährlich mit ein bis zwei Millionen Euro gefördert.
Quelle: Stiftung Naturschutz

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