Tausend Tonnen Kohl : Die Weißkohlachse Marne – Berlin

Maro Weber auf dem Feld bei Jan Averhoff. Foto: Henze
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Maro Weber auf dem Feld bei Jan Averhoff. Foto: Henze

Die zwei Welten des Gemüsehändlers Marco Weber: Wenn er auf dem Feld mit den Bauern verhandelt, wird traditionell platt gesprochen, der Großmarkt wird von türkischen Anbietern dominiert.

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16. April 2013, 05:59 Uhr

Marne/Berlin | Kalt und windig ist es, erst kürzlich haben die Böden das letzte Eis abgeschüttelt, ein paar schmuddelige Schneewehen zieren noch Ackerränder und Knicklinien. Streifen für Streifen pflügt Jan Averhoff mit einem bullenstarken Fendt-Traktor den riesigen Weißkohl-Acker. Spät dran ist er mit der Aussaat, genau so wie seine Kollegen; lang war der Winter, die Lagerhallen sind fast leer, neuer Weißkohl muss spätestens ab Juni auf den Markt: Nur, gut Ding will Weile haben.

Am Feldrand wartet ein junger Mann, eher städtisch die Anmutung und gelassen die Haltung. Jan Averhoff stellt den Diesel ab, springt vom Fendt und begrüßt Marco Weber, mit dessen Pkw die Beiden schließlich zur Nachmittagspause Richtung Barlt fahren. Kerstin Averhoff, des Bauern Gattin ist vorbereitet; Kaffee und Kuchen stehen bereit, in fröhlicher Atmosphäre wird schließlich über den langen Winter und die kommende Ernte palavert, über Preise, über Gewinnspannen und auch über dies und das.

50 Kunden werden bis Mitternacht beliefert

Marco Weber ist Gemüsegroßhändler in Dithmarschen, einer von mehreren natürlich, aber auf dem Berliner Großmarkt ist er der Kohlkönig schlechthin, sorgt mit ein paar Mitarbeitern beinahe im Alleingang dafür, dass die deutsche Bundesmetropole auch nach einem langen Winter keinem Kohlnotstand entgegengeht.

Rund 250 beladene Lkw mit Dithmarscher Kohl und anderem Gemüse setzt Weber jährlich gen Berlin in Fahrt, das Ziel ist immer die Beusselstraße 44 N bis G, in der Halle 101 ist der Fruchthof untergebracht. Dort lädt Marco Weber zusammen mit Mitarbeiter Nuri Erberber das Dithmarscher Gemüse schließlich ab. Fertig konfektioniert wird es mengengenau für die rund 50 Kunden vor deren Gittergevierten in Pappkisten und auf Paletten bereitgestellt. Liefer-scheine fliegen schwungvoll durch die Absperrgitter, gegen 19 Uhr, jeden Sonntagabend, will Marco Weber mit der Auslieferung fertig sein.

Noch vor Mitternacht gehen schließlich die Gitter der Großhändler hoch, die angelieferten Frischwaren vom Gemüse bis zu den Südfrüchten werden verkaufsgerecht aufgebaut, um fünf Uhr morgens bereits kommen die ersten Käufer. Dann ist Marco Weber, nach einem ganz frühen Frühstück, bereits mit seinem Klapprad im Fruchthof unterwegs, kassieren ist angesagt, da geht noch viel in bar, der Umfang von Webers Umhängetasche wächst jedenfalls sichtbar im Laufe der Radrunden.

Anfangs keine Ahnung

Der Berufsweg des Marco Weber zu Kohl und Frischgemüse ist ein wenig ungewöhnlich. Ursprünglich hatte der Tackesdorfer das Bäckerhandwerk erlernt, später dann Erziehung studiert und schließlich in einer sozialen Einrichtung gearbeitet. Eine Zeitungsanzeige war es dann, die den Erzieher ans Gemüse lockte, ein Großhändler-Ehepaar aus Marne suchte einen Nachfolger fürs Geschäft. Marco Weber hatte zwar keine Ahnung von Kohlköpfen und Gemüse, aber den Ehrgeiz etwas Neues erfolgreich anzufangen allemal.
Und dieser persönliche Neubeginn war auch von Erfolg gekrönt, zwei harte Jahre zur Einarbeitung, seitdem schmeißt er die Marner Weida GmbH selbstständig, zwei bis drei Tage die Woche auf dem Großmarkt in Berlin, den Rest rund um Marne zum Einkauf bei den Landwirten.

Die Unterschiede zwischen Webers Betriebsstätten können kaum größer als Marne und Berlin sein. Ländlich, herzlich, verbindlich, so mag man Dithmarschen charakterisieren; umtriebig, multikulturell und ein wenig schlitzohrig mag da eher für den Berliner Fruchthof gelten. Marco Weber beherrscht beide "Parketts" perfekt, wobei ihm die eine Welt so lieb wie die andere ist.

Ohne Platt keine Chance

"Wenn ich zum Beispiel nicht platt schnacken könnte, dann hätte ich bei den Landwirten keine gute Karten", so Weber, und die hochwertige Dithmarscher Landwirtschaft ist eben das Pfund, mit dem der Gemüsegroßhändler in Berlin wuchern kann. Im Fruchthof hin-gegen begegnet er gelegentlich mediterraner Schlitzohrigkeit, da muss gehandelt werden, da muss man ans Geld kommen, Dithmarscher Verlässlichkeit ist dort nicht immer die Handlungsmaxime.

Rund 2000 Tonnen Weißkohl, 1500 Tonnen Rotkohl und etwa 800 Tonnen Wirsing, Spitz- oder Chinakohl aus Dithmarschen landen jährlich über Webers Weida GmbH in Berliner Küchen, wobei der größte Anteil davon in türkischen Restaurants und Imbissen verarbeitet wird. "Das ist ein solides Ganzjahresgeschäft", so Marco Weber, "während in deutschen Haushalten Kohl doch eher im Herbst und Winter auf den Tisch kommt."

Sowohl in Berlin wie auch in Dithmarschen genießt Marco Weber den Ruf eines fairen, aber auch harten Geschäftspartners, er selber bezeichnet seinen Umstieg ins "Kohlgeschäft" als einen Sechser im Lotto, obgleich der mit viel Nachtarbeit und Autobahnkilometer verbunden ist. Und was ihn am meisten freut: "Weida und Weber sind in Dithmarschen und in Berlin gute Namen."
Wolfgang Henze

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