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Jugendschutzstreife : "Wir sind nicht zum Strafen da"

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Alkoholverbot auf der Kiellinie - zumindest für Jugendliche. Damit sie nüchtern bleiben, haben Mitarbeiter von Jugendamt und Polizei die Augen offen - im sechsten Jahr.

Kiel | "Achtung, Polizei", sagt ein Jugendlicher zu seinem Kumpel. Reflexartig gleitet die Hand in einen Rucksack. Ralf Schwertfeger von der Polizeidirektion Kiel und Jugendarbeiter René Vierk von der Stadt haben die sechsköpfige Jugendgruppe schon im Visier.
Ein Abend auf der Kieler Woche, unterwegs mit der Jugendschutzstreife. Seit sechs Jahren ist Vierk mit dabei. So lange gibt es das Projekt bereits. Mitarbeiter der Stadt und Polizisten gehen gemeinsam über die Kiellinie und die Partymeile an der Hörn, um Jugendliche auf die Gefahren des Alkohols aufmerksam zu machen. Für Hauptkommissar Schwertfeger ist es schon eine routinierte Arbeit. Und sie macht ihm Spaß. "Die Jugendlichen kennen uns mittlerweile. Und viele finden es auch gut, dass wir hier sind", sagt er. Das liegt wohl auch daran, dass die Polizisten und Jugendarbeiter nicht schulmeisterlich den Finger heben, sondern mit den Jugendlichen reden, sie ernst nehmen. Ralf Schwertfeger geht mit freundlichem Blick auf die Gruppe zu, fragt mit höflicher aber bestimmter Stimme: "Darf ich bitte mal eure Ausweise sehen?" Für die meisten in der sechsköpfigen Clique eine rhetorische Frage - sie haben ihre Dokumente schon gezückt. Schwertfeger schaut auf das Etikett eines Biermischgetränks, vergleicht das Alter auf dem Ausweis. Die Jugendlichen sind 18, dürfen das Bier also trinken.
"Trinken ist okay, aber nicht auf diesem Steg"
Doch Schwertfeger und sein Kollege Georg Mews sehen ein anderes Problem: "Ihr sitzt hier auf einem Steg, der eigentlich gesperrt sein sollte." Irgendjemand hatte das Gatter aufgemacht. Ob es die Jugendlichen selbst waren, interessiert nicht. "Wir suchen keinen Schuldigen, wir wollen nur Schlimmeres verhindern", sagt Oberkommissar Mews. Und obwohl es so gemütlich ist, die Abendsonne die Gesichter bräunt, die Fördewellen von unten gegen die Holzplanken klatschen, kennen Schwertfeger und Mews kein Erbarmen: die Jugendlichen müssen runter. Als Mews erzählt, dass sich auf dem Schiffsanleger vergangenes Jahr so viele Menschen drängten, dass einige von ihnen unfreiwillig ein Bad in der Ostsee nahmen, werden die Jugendlichen einsichtig und gehen. Mews schließt das Gatter hinter sich.
Jugendarbeiter Vierk macht sechs Striche auf einer Liste. "Wir dokumentieren, wie viele Besucher wir angesprochen haben und wie viele davon unter 16 oder 18 mit Alkohol aufgefallen sind." Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann: Am Mittwoch - zum "Bergfest" der Kieler Woche - hat die Streife schon mehr Jugendliche angesprochen, als im Jahr 2007 während des gesamten Festes. "Die Alkoholzahlen sind von Jahr zu Jahr rückläufig", sagt Schwertfeger. In diesem Jahr ist erstmals jeder Stand auf der Kiellinie angehalten, mindestens ein alkoholfreies Getränk zu verkaufen.
Trotz Übung: Den typischen Jugendlichen kann man nicht erkennen

Die Zahlen lobt auch Kiels Oberbürgermeisterin Angelika Volquartz: "Ein gutes Ergebnis, das nicht zuletzt auch auf die jahrelange Beständigkeit dieser Prävention zurückzuführen ist. Einmal etwas zu machen, reicht eben nicht."
Die Jugendschutzstreife zieht weiter. "Den typischen Jugendlichen kann man gar nicht mehr erkennen - höchstens vielleicht an pubertären Zügen im Gesicht. Aber nicht an der Kleidung", sagt René Vierk. So kommt es auch vor, dass Besucher angesprochen werden, die sogar schon 20 oder älter sind. "Doch die schmunzeln meistens und nehmens uns nicht krumm", sagt Vierk.
Wer illegal Alkohol trinkt, muss ihn im Gully entsorgen
Schon fällt sein Blick auf eine neue Gruppe. Fünf junge Männer mit Bierdosen in der Hand. Dieses Mal haben Vierk und seine Kollegen den richtigen Riecher: alle Biertrinker sind erst 15. Schwertfeger setzt einen strengen Blick auf, vor dem Mann in Uniform haben die Jugendlichen Respekt. Fast fürsorglich wie ein Vater stellt er die Frage in die Runde: "Warum glaubt ihr, dass ich das nicht gut finde, was ihr hier macht?" - "Weil wir noch keine 16 sind", sagt ein junger Mann. "Richtig", sagt Schwertfeger. Die Clique muss ihre Bierdosen im Gully ausleeren. Eine derbe Strafe, doch es bleibt die einzige. "Wir sind nicht zum Strafen da, sondern zur Prävention", sagt Schwertfeger.
Die Tour geht weiter. Eine neue Gruppe. André aus Kiel ist 17. Er und seine 18-jährige Freundin Anne trinken Bier. Keine harten Alkoholika. "Ich finde es gut, dass es die Jugendschutzstreifen gibt", sagt André. "Jugendliche können die Auswirkungen vom Alkohol nicht kontrollieren." Er spricht aus eigener Erfahrung: Mit 14Jahren hat er sich das erste mal "abgeschossen". Das war ihm eine Lehre. "Ich betrinke mich nicht mehr maßlos. Ich will Spaß mit meinen Freunden haben und nicht umhertorkeln." Worte, die Ralf Schwertfeger ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

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erstellt am 27.Jun.2008 | 11:44 Uhr

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