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Kieler Woche 2016 : Wie seefest sind Sie? Ein Leitfaden für Kiwo-Frischlinge

vom

Ein Seemanns-Crashkurs für Landratten, die sich auf die Kieler Woche wagen wollen.

shz.de von
erstellt am 25.Jun.2016 | 16:20 Uhr

Wohnhafte Kieler bewegen sich auf der Kiwo wie auf den eigenen Wohnzimmerplanken. Ortsfremde dagegen, die sich auf das norddeutsche Seemannsfest schlechthin begeben, sollten sich vorbereiten, um, wenn es drauf ankommt, nicht sofort als die Landratten, die sie sind, enttarnt zu werden. Mit diesem Einsteiger-Leitfaden sind sie auf der sicheren Seite.

Wie schmeckt Palstek?

Foto: imago/imagebroker

Eine Frage, mit der Sie sich zuverlässig als Landratte zu erkennen geben. Der Palstek ist der König unter den Seemannsknoten und schmeckt je nach Material hanfig bis farblos plastilin. Wer ihn nicht so zuverlässig und zügig binden kann wie seine Schnürsenkel (schlagen, sagt der Knotenprofi), hat auf einem Schiff nichts verloren. Hier geht es zur Video-Anleitung. Der Nahezu-Alleskönner hält starke Lasten und lässt sich leicht wieder lösen. Auch Bergsteiger verwenden ihn gern, sie nennen ihn nur anders, denn jedes Fach braucht sein Jargon: Bei ihnen heißt er Bulinknoten.

Backbord – Steuerbord: Was ist was?

Foto: imago/Jochen Tack
 

Steuerbord ist rechts und grün, Backbord ist links und rot. Schnell gesagt, aber schwer zu merken. Die Herkunft der Begriffe kann dabei ein wenig helfen. Anders als bei Autos, ist das Steuerrad bei Schiffen traditionell rechts zu finden, daher: Steuerbord rechts. Warum nun das Grüne grün und das Rote rot ist – mit dieser Kenntnis könnten Sie auch einen alten Seebären beeindrucken. Der wird es nämlich höchstwahrscheinlich ebenso wenig wissen wie sonst irgendjemand. Mitte des 19. Jahrhunderts führte Großbritannien die Regelung ein, und die übrige Welt schloss sich an. Soweit man weiß, hätte es ebenso gut andersherum kommen können. Aber auch ohne historischen Bezug gibt es Eselsbrücken zum Farben merken: Links sitzt das Herz, und das Herz ist rot. Ebenso wie die Wange nach einer Back-Pfeife.

Eine Hand für den Mann, eine Hand für das Schiff

Foto: imago/VIADATA
 

Die goldene Regel aller Seeleute gilt natürlich auch für Frauen und Kinder, klänge politisch korrekt aber nicht mehr so eingängig. Egal, wie dringend das Fock gerefft, der Palstek geschlagen, der Wal abgeflenst werden muss – die eigene Sicherheit darf nie vergessen werden. Sonst trägt dich ein Kaventsmann (riesige Welle) der Drei Schwestern (drei riesige Wellen) früher oder später in Poseidons tiefe, dunkle Arme. Weitere Weisheiten für die See: Schoten nicht um die Hand wickeln. Den Smutje öfters loben. Den ersten Schluck bekommt Poseidon. Kritik am Skipper bedeutet kielholen.

Macht Kielholen Spaß?

Foto: imago/Keystone
 

Nein. Es ist auch heutzutage nicht mehr üblich, weil verboten und häufig tödlich. Das Kielholen war eine Strafe für Fehlverhalten auf See. Der Übeltäter wurde an ein Tau gebunden und von der einen Seite des Schiffes unter dem Rumpf hindurch bis auf die andere Seite gezogen. Was weniger harmlos war, als es klingt. Die Gefahr zu ertrinken war gering. Der Prozess ähnelte vielmehr dem des Käsereibens. Der Kielgeholte verletzte sich oft so schwer am rauen, mit scharfen Muscheln und anderen Meeresfrüchten bewachsenen Rumpf, dass er mit absoluter Sicherheit nie wieder gegen den Kapitän aufmuckte. Die Überlebenschance variierte je nachdem, ob der Matrose längs oder quer des Schiffes und ob er schnell oder langsam kielgeholt wurde.

Warum können Seemänner nicht schwimmen?

Foto: imago/Leemage

Wozu sollten sie schwimmen können – sie haben doch ein Schiff? Ein Pilot muss schließlich auch nicht fliegen können. Und ein anständiger Kapitän geht sowieso mit seinem Schiff unter. Das ist natürlich eine Vorstellung aus vergangenen Zeiten, die wohl auch damals nicht immer zugetroffen haben dürfte. In jenen rauen Zeiten, als Matrosen sich noch kielholen ließen und galeerengroße Seemonster die Schifffahrtsrouten unsicher machten, konnten aber tatsächlich die meisten Menschen nicht schwimmen – nicht nur die Seefahrer. Die Fähigkeit hätte ihnen in den meisten Fällen auch nicht viel genützt. Wer auf hoher See über Bord ging, ohne dass es sofort entdeckt wurde, für den waren die Überlebenschancen gleich null. Das gilt heute noch genauso. Schwimmen zu können, verlängert da nur die Qual.

Was tun bei Seekrankheit?

Foto: imago/NaturePictureLibrary
 

Auch wenn es sich bei starkem Seegang manchmal anders anfühlen kann und mitunter so aussehen mag: Sterben wird niemand an umgedrehtem Magen und grüner Gesichtsfarbe. Verantwortlich fürs Unwohlsein ist nicht allein die ungewohnte Bewegung des Untergrundes. Hinzu kommt, dass das Auge die Bewegung nicht sieht, die der Körper fühlt. Auf diesen Widerspruch reagiert der Unerfahrene dann mit Müdigkeit, Blässe und Übelkeit. Nach zwei, drei Tagen gibt sich das meist. Wer nicht so lange warten will, hält sich bis dahin am besten in der Mitte des Schiffes auf, weg von Bug, Heck, Back- und Steuerbord. Denn im Zentrum sind die Schwankungen am geringsten. Zusätzlich hilfreich: Immer schön in die Ferne starren. Das sieht nicht nur seemännisch aus. Die Fixierung der starren Horizontlinie lässt das Auge die Bewegungen des Schiffes erkennen und bringt so die optische Wahrnehmung mit dem Körpergefühl in Einklang.

Bringen Frauen an Bord noch immer Unglück?

Foto: imago/Westend
 

Der Glaube stammt wie so vieles seemännische aus der guten alten Segelschifffahrt. Die meisten Mannschaften bestanden meist ausschließlich aus Männern. Das gehörte sich einfach so. Eine Fahrt konnte Wochen oder Monate dauern, und so lange lebten die Kerle zwangsläufig abstinent. Wenn sie sich nicht heimlich miteinander vergnügten – was aber unter den damaligen Moralvorstellungen nichts weniger als gutgeheißen wurde. Verirrte sich doch einmal eine Frau an Bord, führte das aus naheliegenden Gründen schnell zu mangelnder Konzentration, Streit und Zankereien innerhalb der Mannschaft. Die Schuld an daraus hervorgehenden Unglücken hatte natürlich die Frau. Außerdem ließ sie sich als Außenseiter wunderbar zum Sündenbock für alle möglichen ungeklärten Misslichkeiten heranziehen, wie Schäden am Schiff, vergammelte Lebensmittel, Krankheit, schlechtes Wetter oder Piraten. In der Realität brachten 100 sexuell unterversorgte Männer einer einsamen Frau wahrscheinlich deutlich mehr Unglück als umgekehrt. Und wie sieht es heute aus? Fragen wir den Käpt'n Ulrich Bösl: „Die Schifffahrt ist sicher nach wie vor stark maskulin geprägt“, sagt er. Trotzdem sind sie laut dem Diplom-Wirtschaftsingenieur für Seeverkehr auch in Führungspositionen keine Seltenheit mehr. „An den nautischen Ausbildungsstätten beträgt der Frauenanteil etwa 25 %.“ Na, immerhin.

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