Thor Heyerdahl-Vorsitzender über neue Richtlinie : Traditionssegler auf der Kieler Woche: „Pauschale Vorgaben unverhältnismäßig“

Die Thor Heyerdahl ist eines der größten Traditionsschiffe auf der Windjammerparade.
Die Thor Heyerdahl ist eines der größten Traditionsschiffe auf der Windjammerparade.

Die Sicherheitsverordnung für Traditionsschiffe sorgt weiter für Kritik. Traditionssegler Christian Haehl spricht von teils nicht relevanten Trainingsinhalten.

Annika Kühl von
23. Juni 2018, 12:02 Uhr

Kiel | In diesem Jahr wehen die Segel der Traditionsschiffe bei der Windjammerparade wieder im Wind. Das war nach dem Streik im Vorjahr und der andauernden Diskussion um die „Neue Sicherheitsverordnung für Traditionsschiffe“ des Bundesverkehrsministeriums lange Zeit nicht klar. Die neuen Vorschriften sollen den Sicherheitsstandard der Schiffe und der Crew anheben.

Erst einmal etwas Positives – doch: „die Regelungen bereiten uns nach wie vor Sorgen“, sagt Christian Haehl, Traditionssegler und Vereinsvorsitzender der Thor Heyerdahl. Die neuen Vorschriften seien in der jetzigen Form nur mit großen Hürden umsetzbar. Im Fall der Thor Heyerdahl sind etwa 300 Stammbesatzungsmitglieder von den Richtlinien betroffen– „wir machen das ehrenamtlich in unserer Freizeit“, betont der Vereinsvorsitzende. „Das bringt einfach finanzielle und zeitliche Grenzen mit sich.“

„Wir wurden zwar nach unserem Protest bei der Entstehung der Verordnung beteiligt“, sagt der Vorsitzende. „Doch ob das jetzt Anlass zu übermäßiger Freude ist, weiß ich nicht. Eigentlich sollte das ja selbstverständlich sein."

Keine Brillenträger an Bord?

Nachdem der schleswig-holsteinische Landtag sich im Juli vergangenen Jahres für die finanzielle Unterstützung der Traditionssegler ausgesprochen hatte, forderte Daniel Günther einen Dialog mit dem Bundesverkehrsminister Christian Schmidt. Mit am Verhandlungstisch: die Dachverbände der Traditionsschiffahrt. Die Verordnung sollte ein „lebendiges Dokument“ mit Handlungsspielräumen sein, hieß es in der Pressemitteilung des Bundesverkehrsministeriums. Im Frühjahr diesen Jahres ist die Verordnung nun nach einigem Tauziehen in Kraft getreten. „Auch wenn wir nicht mit allen Regelungen einverstanden sind, ist die Zusammenarbeit zwischen dem BMVI und unseren Interessenverbinden seither sehr konstruktiv“, betont Haehl.

Wie geht es jetzt weiter für die Traditionssegler? „Die aktuelle Fassung der Sicherheitsrichtlinie sieht nach wie vor verschärfte Anforderungen für die Crew vor“, schildert der Traditionssegler. Das beginne bereits bei der gesundheitlichen Prüfung: Die Mindestbesatzung, also die Personalstärke, mit der ein Traditionsschiff gesegelt werden darf, muss ein Seediensttauglichkeitszeugnis vorweisen. „Da gibt es beispielsweise schon bei Brillenträgern Probleme“, sagt der 32-Jährige.

Bei jedem Segeltörn der Thor Heyerdahl müssen ab Inkrafttreten der Richtlinie einige Mitglieder der Mindestbesatzung den Ausbildungsstandard nach der neuen Sicherheitsverordnung und eine spezielle medizinische Ausbildung vorweisen. Der Vereinsvorsitzende fordert eine höhere Differenzierung: „Die Vorgaben im Bereich der medizinischen Aus- und Weiterbildung halte ich in ihrer Pauschalität für unverhältnismäßig. Die Gesundheit an Bord ist unser ureigenstes Interesse. Ich plädiere aber für dem jeweiligen Fahrtgebiet entsprechende, angemessene Anforderungen an Anzahl und Ausbildung der Crew. Die medizinisch erreichbare Infrastruktur ist eben eine andere, als auf dem Atlantik. Diesem Fakt sollte auch eine Verordnung Rechnung tragen.“

Einige Trainingsinhalte nicht relevant

Außerdem würden sich viele Schiffe bei den Sommertörns in unmittelbarer Nähe zur Küste befinden. „Hier ist medizinische Hilfe sofort verfügbar – im Notfall können Patienten direkt mit dem Helikopter geborgen werden. Eine medizinische Erste-Hilfe-Ausbildung analog zum Straßenverkehr, die regelmäßig aktualisiert wird, wäre hier ausreichend“, sagt Haehl.

Zudem müssen ausgewählte Mitglieder Sicherheitskurse aus der Berufsschiffahrt absolvieren. Diese Kurse sind mit vier Wochen Trainingszeit nicht nur zeitaufwendig und teuer, sondern enthalten Bestandteile, die für die Traditionssegler nicht relevant sind. „Ein Beispiel ist das Training mit dem Freifall-Rettungsboot“, erläutert der Vereinsvorsitzende. „Ein solches Boot gibt es auf unserem Schiff gar nicht.“ Die Traditionsschiffahrt dürfe nicht mit der Berufsschiffahrt gleichgesetzt werden.

Für die Umsetzung der neuen Regeln wurde  Traditionsschiffen wie der Thor Heyerdahl eine Übergangsfrist von fünf Jahren eingeräumt. „Es bleibt abzuwarten, wie wir das bewältigen können“, sagt Haehl.

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