Gebärdensprache : Sprechende Hände zur Eröffnung

'Wir wollen als Menschen ernst genommen werden'': Cortina Bittner (l.) und Ilona Braschkat vom Gehörlosenverband SH. Foto: Pape
"Wir wollen als Menschen ernst genommen werden"": Cortina Bittner (l.) und Ilona Braschkat vom Gehörlosenverband SH. Foto: Pape

Zwei Dolmetscher des Gehörlosenverbandes übersetzen das Bühnenprogramm der Eröffnung der Kieler Woche in Gebärdensprache.

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20. Juni 2011, 08:38 Uhr

Kiel | "Sie mag Musik nur wenn sie laut ist, wenn der Boden unter den Füßen bebt [] dann vergisst sie, dass sie taub ist" - was Herbert Grönemeyer in einem seiner Songs besingt, ist für über 1100 Menschen in Schleswig-Holstein Realität. Damit diese Besucher bei der Eröffnung der Kieler Woche auf der Rathausbühne mehr mitkriegen als "Musik, die in den Magen fährt", setzt die Stadt Kiel zwei Dolmetscher des Gehörlosenverbandes Schleswig-Holstein ein. Diese übersetzen die Eröffnungsrede von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen simultan in Gebärdensprache. Die Dolmetscher stehen dazu am Rande der Bühne in unmittelbarer Sichtweite der Gebärdensprachbenutzer, für die im Publikumsraum ein eigener Bereich abgetrennt wird.
Bereits beim Testlauf zur Eröffnung der Kieler Woche 2010 nutzten rund 70 Gehörlose dieses Angebot. Von diesem Jahr an gibt es eine feste Verabredung zwischen dem Gehörlosenverband Schleswig-Holstein und dem Kieler Woche Büro. "Wir freuen uns sehr über diese Initiative, die uns als Menschen ernst nimmt", sagt die Geschäftsführerin des Verbandes, Cortina Bittner. "Wir leben zwar in einer stillen Welt, dafür aber in einer genauso lustigen, die offen ist für das spannende Angebot der Kieler Woche".
Eigenständiges Sprachsystem
Die deutsche Gebärdensprache ist ein eigenständiges Sprachsystem, das sich in seiner Grammatik grundlegend vom Schriftdeutsch unterscheidet. Mit 32 Handformen, Mimik und Mundbild können die Nutzer über die rein visuelle Wahrnehmung alles vermitteln: von Gefühlen, über Fachbegriffe und Abstraktem bis hin zu Gedichten. Das Übersetzen während der Eröffnungsrede ist für die professionellen Dolmetscher Routine. Auf eine wesentlich härtere Probe stellen sie die Musikkünstler, die unmittelbar im Anschluss folgen. Auch von diesem musikalischen Teil des Kieler Woche-Starts soll den Gehörlosen ein Eindruck vermittelt werden. "Guildo Horn hat es unseren Dolmetschern im letzten Jahr nicht leicht gemacht", erinnert sich Cortina Bittner. Seine verqueren Texte seien kompliziert zu übertragen. In diesem Jahr spielt die Popband Alphaville. Ihre Tophits wie "Forever Young" oder "Big in Japan" übersetzen die Dolmetscher nicht Wort für Wort, sondern in Bildern und Bewegungen, die sich an die Musik anpassen.
Die halbe Stunde zur Eröffnung bleibt bislang das einzige Angebot während des Segelfests, das in Gebärdensprache übersetzt wird. Für die Zukunft können Cortina Bittner und ihre Teamassistentin Ilona Braschkat sich gut vorstellen, bei weiteren ausgewählten Programmpunkten Dolmetscher einzusetzen.
Der Dolmetscherdienst ist nur ein Teil der Arbeit, die der Gehörlosenverband in Schleswig-Holstein leistet. Den zweiten Teil nimmt der Sozialdienst ein. Dieser bietet den rund 1100 gehörlosen Menschen, darunter 650 Mitglieder, Hilfe und Beratung in allen Lebensfragen. "Da das Schriftdeutsch für die meisten Gebärdensprachenutzer eine Fremdsprache bleibt, gibt es ein großes Informationsdefizit", so Bittner. Dieses Leck zu Füllen und den Zugang zu Informationen zu schaffen, hat sich der Verband zur Aufgabe gemacht. Aktuell kommen viele Ratsuchende mit Fragen zum EHEC-Erreger. In Abständen werden auch Informationsveranstaltungen organisiert.
Ein Part während der Kieler Woche Eröffnung kommt jedoch ganz ohne die Übersetzungshilfe des Gehörlosenverbands aus: das traditionelle Glasen. Wenn THW Mannschaftskapitän Marcus Ahlm in diesem Jahr mit sieben Schlägen an der Schiffsglocke glast, bleiben die Hände der Dolmetscher ruhig: "Da ist dann eine Vibration in der Luft, die spürt man einfach mit dem Körper", so Ilona Braschkat.

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