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Ehrenamtliche Helfer : Jörn Richter - nicht alle Schiedsrichter ticken anders

vom

Bei der Kieler Woche gehen 4500 Segler aus 50 Nationen an den Start. Über 320 ehrenamtliche Helfer sind im Einsatz.

shz.de von
erstellt am 25.Jun.2008 | 10:33 Uhr

Schiedsrichter sind Leute, die ticken anders. Dieser Satz kann vorerst so stehen bleiben. Der, der das sagt, ist selbst Schiedsrichter. Für das Segeln, für die Segler. Seit 1995 arbeitet Jörn Richter im Jury-Team der Kieler Woche, seit 1999 ist er der Chef - der "Ober-Jurist." Die 126. Kieler Woche ist aber seine letzte. Zum letzten Mal ist es seine wichtigste Aufgabe, "den Flohzirkus unter Kontrolle zu halten". "Es ist wichtig, das man im Team alle unter einen Hut bekommt", sagt der 49-jährige Hamburger, dem damals - nach 20 Jahren OK-Jollensegeln - die Knie schmerzten und der deshalb nach anderer Betätigung im Segeln suchte.

NRV-Präsident Günther Persiehl berief ihn in die Jury. "Mal gucken, wie es geht". Es ging, es ging sogar sehr gut, auch weil Richter nicht nur Richter heißt. "Ich war vom Segelwissen her vielen Schiedsrichtern einfach überlegen", sagt der EDV-Leiter der Hamburger Reederei "MACS" selbstbewusst und ohne Überheblichkeit. Auch beruflich wird einen Bogen zum Segeln geschlagen. Chef Dietrich Scheder-Bieschin ist Melges-Segler und war bereits WM-Dritter im 505er. Da wird sicherlich das eine oder andere Fachgespräch über die betrieblichen Belange hinaus geführt werden.

Mit dem Fachwissen über seinen Sport hat sich der zurückhaltende, aber bestimmte Ehrenamtler daran gemacht, Segelanweisungen zu schreiben. "Ein echt harter Job, weil alle mitreden wollen", erzählt der Jury-Chef und macht darauf aufmerksam, dass in der Klasse der "Motten" (Moth-Class) so eine Anweisung fehlt. Und zwar für den Schwebezustand, in dem sich die spektakulären Jollen befinden, wenn nur noch durch die Kielfinne und das Ruderblatt Kontakt mit dem nassen Element haben. "Für das so genannte Foilen gibt es keine Anweisung. Ich glaube, das ist der Klasse gar nicht bewusst."

Dass Leben aber nicht nur Segeln, Job und Kieler Woche ist, wurde Richter 2002 bewusst, als bei ihm Leukämie diagnostiziert wurde. "Da wird die Familie wichtig", sagt Richter. Die Krankheit ist überstanden, aber sie "verändert die Einstellung zum Leben". Es gibt zwei Gründe warum der Hamburger sich aus der Arbeit für die Kieler Woche zurückzieht. "Ich brauche einfach eine Pause von der Schiedsrichterei", sagt der Mann, dessen Aufstieg in das internationale Schiedsrichterwesen schnell ging. "Dadurch bin ich viel in der Weltgeschichte herum gekommen". Letzte große Station waren die Olympischen Spiele 2004 in Athen. In Qingdao wird es keinen Schiedsrichter aus Deutschland geben. Und dann sagt Richter noch: "Man sollte aufhören, wenn alles richtig funktioniert." Es funktioniert in Schilksee, auch wenn die Jury sich durch den Umzug ins neue Regattahaus "von den Räumlichkeiten verschlechtert" hat. Mit Rainer Heinrich hat der 49-Jährige einen Nachfolger gefunden - alles im Lot im Jury-Boot. Vielleicht ticken Schiedsrichter anders, Jörn Richter tickt eigentlich ganz normal.

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