zur Navigation springen

Arbeiten auf der Kieler Woche 2016 : Hinter den Kulissen: Drei Kiwo-Arbeiter erzählen

vom
Aus der Onlineredaktion

Wie ergeht es den Menschen, die arbeiten - wenn alle anderen feiern? Wir haben mit ihnen gesprochen.

shz.de von
erstellt am 21.Jun.2016 | 17:36 Uhr

Jahr für Jahr zieht die Kieler Woche Segler und Fans in die Landeshauptstadt. Essen, trinken, feiern, tanzen - und das ganze neun Tage lang. Aber wie sieht es auf der anderen Seite der Kieler Woche aus? Wer sind die Menschen, ohne die das größte Segelfest Europas gar nicht möglich wäre? Wir haben drei von ihnen getroffen und sie gefragt.

Das Schnapsmädel: Janne Trisha Carstens

Die Lehramtsstudentin Janne Trisha Carstens arbeitet seit sechs Jahren auf der Kieler Woche. Beim ersten Mal hat sie im Bierwagen an der RSH-Bühne, danach drei Jahre lang im Unser-Norden-Dorf mal mehr, mal weniger alkoholische Getränke gezapft. Im vergangenen Jahr war der Wechsel zum Bayerzelt vorgesehen, doch die Kielerin musste krankheitsbedingt aussetzen. In diesem Jahr startet sie den zweiten Versuch als sogenanntes „Schnapsmädel“ bei den Bajuwaren an der Kiellinie.

Was genau ist ein Schnapsmädel?

Als Schnapsmädel läuft man im Dirndl im Bayernzelt herum, verkauft Schnäpse an die Gäste und feiert mit ihnen. Unsere Chefs haben nichts dagegen, wenn wir den einen oder anderen Kurzen mittrinken. Darauf freue ich mich schon, das wird bestimmt lustig. Ich bin zum Glück ziemlich trinkfest (lacht).

Lohnt sich die Kieler Woche finanziell?

Beim RSH-Musikzelt hat man gut verdient, da konnte man schon mit 40 bis 50 Euro Trinkgeld am Tag nach Hause gehen. Im Unser-Norden-Dorf war es dann nicht ganz so viel, weil das gesamte Trinkgeld in einen großen Topf kam und gleichmäßig auf alle aufgeteilt wurde. Der Stundenlohn war okay. Am Anfang haben wir 7,50 Euro bekommen, jetzt sind es meines Wissens zehn Euro. Die Coop ist sehr korrekt und hat genau aufgepasst, dass wir nicht über die 450-Euro-Grenze kommen. Einige Festangestellte der Coop nehmen sich sogar jedes Jahr extra zur Kieler Woche frei, um im Unser-Norden-Dorf arbeiten zu können, weil zum einen die Bezahlung, aber auch die Stimmung gut ist. Dieses Jahr bin ich ja im Bayernzelt, auch dort soll die Bezahlung gut sein.

Was würden Sie auf der Kieler Woche gar nicht machen wollen?

Ich kenne Leute, die am Fischstand und am Hotdogstand gearbeitet haben. Das muss hart sein. Die haben jeden Abend so gestunken, dass sie jedes Mal nach der Arbeit duschen mussten.

Warum arbeiten Sie so gern auf der Kieler Woche?

Weil die Stimmung in den Teams bisher immer supergut war. Es ist einfach superwitzig, wenn die Truppe stimmt und man zusammen während der Arbeit Party macht. Nach der Schicht ziehen wir dann meistens noch weiter über die Bergstraße.

Wann beginnt „Ihre“ Kieler Woche?

Schon Monate vorher, mit der Suche nach Arbeit. Die Stadt Kiel hat eine Internet-Seite, auf der die Gewerbetreibenden der Kieler Woche aufgelistet sind. Mehr als die Namen sind dort zwar nicht verzeichnet, aber wenn man die Einträge googelt, anruft und direkt nachfragt, ist das gar nicht so schwer, Arbeit zu bekommen. Man braucht natürlich ein bisschen Mut.

Ist die Arbeit anstrengend?

Es ist schon anstrengend, acht Stunden ohne Pause zu arbeiten und hauptsächlich zu stehen. Gerade am Wochenende lässt der Andrang der Kunden nicht nach. Ziemlich oft muss man dann mit sehr betrunkenen Menschen reden, das ist auch nicht immer so schön. Aber man bekommt ein gutes Trinkgeld und arbeitet mit einem netten Team zusammen.

Möchten Sie mal etwas ganz Anderes auf der Kieler Woche machen?

Ich bin mit dem Gastro-Bereich ziemlich zufrieden. Interessant stelle ich mir aber den Backstage-Bereich vor, wenn die Bands auftreten. Auch die Jobs von Audi sollen sehr gut bezahlt werden, aber ich bin nicht der Typ für die Jobs in kurzen Röcken. Da laufe ich lieber im Dirndl im Bayernzelt rum.

Der Handwerker: Hans Golz

 

Seit nunmehr 16 Jahren begleitet Hans Golz die Spiellinie vom Auf- bis zu ihrem Abbau. In diesem Jahr verwandeln der 45-Jährige und seine Kollegen vom städtischen Bautrupp die Krusenkoppel in ein Ritterreich. Während die kleinen Kieler-Woche-Besucher neun Tage lang das Reich von „Ritter Kruse von der Drachenkoppel" erobern, sieht Golz vor Ort nach dem Rechten. Abends sorgt der gelernte Ausbaufacharbeiter bei den „gewaltig leise“-Veranstaltungen für Ordnung am Einlass. Abseits der Kieler Woche ist Hans Golz Haustechniker der Stadtgallerie.

Herr Golz, was gibt es für Sie auf der Spiellinie zu tun?

Erdlöcher bohren, Wände aufstellen, Wasserleitungen legen, Bühnen bauen, Sonnensegel spannen, Bodenplatten verlegen - eigentlich alles. Während der Kieler Woche bin ich dann den ganzen Tag vor Ort, bessere bei Bedarf hier und da etwas aus oder gehe bei  den Workshops zur Hand.

Testen Sie die Spielgeräte auf der Krusenkoppel auch, wenn Sie und Ihre Kollegen fertig sind mit dem Aufbau?

(lacht) Natürlich geht da man da rauf. Das würde doch jeder machen, um einmal wieder Kind zu sein.

Sind Sie mit dem Aufbau immer gleich schnell?

Das variiert. Dieses Jahr hatten wir ein bisschen Druck, denn zwischenzeitlich war es in den Wochen vor der Kieler Woche ziemlich heiß, da fiel das Arbeiten schon schwerer. Das ist bei Regen schon anders. Aber meistens haben wir beim Aufbau schönes Wetter. Dafür regnets dann aber zur Kieler Woche. Und umgekehrt.

Hatten Sie - aus handwerklicher Sicht - ein Lieblingsthema?

Wir haben mal ein großes U-Boot gebaut, das war richtig gut. Man muss ja sagen, die Künstler haben im Vorfeld eine Vorstellung von dem, was sie haben wollen. Und sie wissen, das wird toll. Dann fangen wir an zu bauen und am Ende wird dann tatsächlich ein Brathähnchen daraus.

Was ist das Schöne an Ihrem Job auf der Krusenkoppel?

Man hat einfach Spaß, ich find's toll mit den Kindern. Im Prinzip ist das ja ein Riesenaufwand, der mit dem Aufbau der Spiellinie betrieben wird. Aber wenn man sieht, wie die Kinder abgehen und grinsend über die Wiese rennen, ist das besser als jedes Danke. Die Spiellinie ist eben so schön, weil es kein Kommerz ist und die Kinder alles mitgestalten können.

Ist die Kieler Woche für Sie anstrengend?

Ich bin am Tag auf der Spiellinie und abends bei den „Gewaltig leise“-Konzerten. Neun Tage von acht Uhr morgens bis ein Uhr nachts zu arbeiten, merkt man schon. Da ist man zwischendurch ganz froh, mal fünf Minuten Ruhe zu haben. Aber unser Team, das ist eine eingeschworene Truppe. Wenn da einer merkt, der andere kann nicht mehr, springt man auch füreinander ein. Wir sind schon ein bisschen wie eine Familie.

Der Candy-Man: Frank Dörksen

Wo polnischer Schwenkgrill auf norwegischen Rentierburger und brasilianische Tanztruppen auf zünftig-bayerische Akkordeonisten treffen, dort steht Frank Dörksen mit seinem „Knusperhäuschen“ - dem Schlaraffenland für Zuckerschnuten aller Herrenländer. Das täglich Brot des Schaustellers sind gebrannte Mandeln, Liebesäpfel, Zuckerwatte, Lebkuchenherzen ebenso wie Weingummi, Schokoladenfrüchte und vieles Zuckerhaltiges mehr. Denn bei Familie Dörksen haben Süßes und Klebriges Tradition: Wie schon seine Großeltern und Eltern (die mit 74 und 78 Jahren noch immer aktive Schausteller sind) tourt der 42-Jährige mit seinen insgesamt fünf Verkaufswagen von März bis Ende Dezember durch Norddeutschland.

Wie kommt es, dass Sie Schausteller geworden sind?

Das hat seinen Ursprung bei meinen Großeltern. Die haben kurz nach dem Ersten Weltkrieg angefangen, Kokosnüsse am Hamburger Hafen zu verkaufen. Dann haben sie ihr Sortiment irgendwann auf Süßigkeiten umgestelllt. Rumkugeln, Kokosflocken, Zuckerstangen - das haben sie damals alles noch von Hand gemacht. In ihrem Traktor-Wohnwagen-Gespann sind sie dann durch Norddeutschland gereist. Sie waren sehr fleißige Menschen und haben das alles nur auf sich genommen, um es warm und trocken zu haben, essen zu können. Mitte der 50er Jahre ist mein Vater in das Geschäft eingestiegen, 1999 habe ich mich dann selbstständig gemacht.

Das heißt, Sie haben das klassische Schaustellerleben kennengelernt?

Ja, wir waren das ganze Jahr unterwegs, ich war dadurch an sehr vielen unterschiedlichen Schulen. Das war aber gar nicht schlimm, im Gegenteil, ich habe dadurch sehr viele Menschen kennengelernt und Erfahrungen gesammelt. Ich lebe jetzt aber mit meiner Familie in Brokstedt und bin in der Regel wie jeder andere abends zuhause.

Was sind Ihre Verkaufsrenner, und was mögen Sie persönlich am liebsten?

Die Schokoladenfrüchte sind ausgesprochen beliebt. Aber ich verwende auch wirklich gute Schokolade dafür und das schmeckt man auch. Ich persönlich nasche überhaupt nicht. Wenn ich Appetit habe, esse ich höchstens mal ein paar Mandeln oder Cashewnüsse.

Was bedeutet die Kieler Woche für Sie?

Meine Familie ist seit 48 Jahren auf der Kieler Woche. Und ich bin dabei, seitdem ich denken kann. Meine Eltern stehen jedes Jahr mit zwei Wagen in der Innenstadt, ich selbst bin mit meinen „Knusperhäuschen“ in Schilksee, an der Hörn und an der Kiellinie. Die Kieler Woche war immer schon ein fester Bestandteil in unserem Terminplan.

Was finden Sie an der Kieler Woche gut?

Die Kieler Woche hat eine unglaubliche Strahlkraft. Die Arbeit bringt unheimlichen Spaß. Die Stimmung, auch unter den Kollegen, ist immer super. Man lernt viele Menschen kennen und ich kann nicht sagen, dass es bisher Schwierigkeiten mit Kunden gab. Man hat mal den einen oder anderen jungen Mann dabei, der ein bisschen zu tief ins Glas geguckt hat und ein bisschen zu übermütig wird, weil er seine Freundin beeindrucken will. Aber Süßigkeiten animieren auch nicht so zu Aggressionen. Das Schönste ist immer, wenn unsere Stammkunden aus Hamburg oder Flensburg uns auf der Kieler Woche besuchen.

Ist das Arbeiten auf der Kieler Woche auch anstrengend?

Also, das Schlafdefizit macht sich schon bemerkbar. Letztlich beginnt die Kieler Woche ja schon am Montag vor der Kieler Woche mit dem Aufbau. Ab da falle ich in eine Art Rausch, den Kieler-Woche-Modus sozusagen. In den Tagen der Vorbereitung fahre ich jeden Tag gefühlte 500 Kilometer quer durch Kiel, um meine fünf Wagen aufzubauen und zu beliefern und um vor Ort Begehungen mit Hygienekontrolleuren und Technikern zu machen. Während der Kieler Woche pendle ich morgens von Brokstedt nach Kiel und fahre nachts zwischen zwei und drei Uhr zurück. Das geht jeden Tag so. Tagsüber helfe ich entweder in den Wagen aus oder bin in meiner Schaltzentrale. Das ist ein kleiner Wohnwagen an der Halle 400. Ab und zu kann ich dort kurz die Augen zumachen. Das ist natürlich kräftezehrend. Trotzdem macht es total Spaß, hier zu arbeiten.

Alle weiteren Neuigkeiten rund um die Kieler Woche erfahren Sie in unserem Liveblog.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen