zur Navigation springen

Andrij Melnyk auf der Kieler Woche : Der ukrainische Botschafter, die russische Küche und die Krim-Krise

vom

Der Botschafter der Ukraine, Dr. Andrij Melnyk, ist zu Besuch auf der Kieler Woche. Mit uns spricht er über ukrainische Segelkultur und über den Konflikt seiner Heimat mit Russland.

shz.de von
erstellt am 23.Jun.2016 | 14:41 Uhr

Kiel | Der Botschafter der Ukraine in Deutschland, Dr. Andrij Melnyk, ist zu Besuch auf der Kieler Woche – auch um die Handelsbeziehungen während der EU-Sanktionen zu erleichtern. Melnyk traf sich deshalb auch mit Ministerpräsident Torsten Albig. Am Donnerstag sprach er mit Redakteur Sven Raschke über die aufkommende ukrainische Segelkultur und leckere Teigtaschen aus seiner Heimat, aber auch über den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland sowie mögliche Auswege aus Krieg und Krise.

Herr Botschafter, sind Sie das erste Mal auf der Kieler Woche?

Nein. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich schon hier gewesen bin. Ich durfte 2007 drei Jahre lang als Generalkonsul in Hamburg dienen, und Schleswig-Holstein gehörte zu meinem Konsularbezirk. Deshalb kenne ich mich hier sehr gut aus.

Was möchten Sie sich dieses Mal anschauen?

Ich möchte die Hafenmeile erkunden. Mit meiner Frau und meiner Tochter war ich gestern bereits am Ostufer. Meine Tochter ist fünf und hat gestaunt: Sie hatte noch nie so viele Schiffe gesehen.

Auf dem Internationalen Markt am Rathausplatz ist die Ukraine dieses Jahr nicht vertreten. Wie sieht die typische ukrainische Küche aus?

Warenyky ist ein ganz typisches Gericht. Das sind Teigtaschen, gefüllt mit Kartoffeln, Zwiebeln, Quark oder vielem anderen. Es ist bäuerlich einfach und sehr lecker.

Gibt es in der Ukraine Feste, die mit der Kieler Woche vergleichbar sind?

Nein. Die Kieler Woche ist weltweit schon einmalig. Wir haben bei uns auch viele Seen und etwa das Schwarze Meer. Aber leider kein so großes Volksfest.

Und wie sieht es mit dem Segelsport aus?

Das kommt allmählich in Schwung. Sogar in Kiew. Die Stadt liegt am Kiewer Meer, ein künstlich durch einen Staudamm erzeugtes Gewässer. Dort sind die Wasserbedingungen optimal für Segler, und es werden auch große Schnellboot-Wettbewerbe veranstaltet.

Haben Sie selbst Segelerfahrung?

Nein, leider. Als ich in Hamburg war, bin ich gelegentlich ein wenig bei Freunden mitgefahren.

In der Ukraine sind Feierlichkeiten, wie sie gerade in Kiel stattfinden, zurzeit schwer vorstellbar. Können Sie hier abschalten und das Fest genießen?

Ja, das muss man auch. Ich bin rund um die Uhr im Einsatz. Aber man muss auch Tage haben wie diese, an denen man sich entspannt und mit den Menschen in Kontakt kommt.

Wie ist die Stimmung in der ukrainischen Bevölkerung?

Es herrscht trotz der Krise eine gewisse Aufbruchstimmung. Jeden Tag verlieren wir Menschen: Hunderte Soldaten und Zivilisten allein seit der Waffenruhe, die seit 2015 gilt. Auch wirtschaftlich ist es sehr kompliziert für die Menschen: Aber sie sind frei und können sich entfalten. Und der Krieg ist auch ein Ansporn für alle, das Land weiter zu entwickeln.

Welche Auswirkungen hat die Krise auf die Kultur?

Erstaunlicherweise hat es einen gewaltigen Schub gegeben für die Entwicklung der eigenen Individualität der Leute. Viele Musikbands und interessante Künstler verarbeiten die schrecklichen Erfahrungen in ihren Werken. Das ist anders als über die Kunst auch kaum möglich.

Sie sprachen die Waffenruhe an.

Die Lage ist ausgesprochen schwierig. Es vergeht kein Tag, an dem nicht geschossen wird. Jeder Schuss ist eine Verletzung der Waffenruhe.

Auch von ukrainischer Seite?

Überwiegend von Separatistenseite. Manchmal ist es für unsere Soldaten unabdingbar, auf gegnerischen Beschuss zu reagieren. Wir sind in einer Sackgasse. Die Aggressionsspirale ist schwer zu stoppen.

Wen treffen die Sanktionen härter: Russland oder die Ukraine?

Die Ukraine leidet darunter. Russland hat vor zwei Jahren den ukrainischen Export komplett gesperrt. Dieser machte für uns mehr als 20 Prozent unseres gesamten Exports aus. Das ist jetzt alles weg. Aber gerade gestern gab es gute Gespräche mit der schleswig-holsteinischen Landesregierung. Wir haben vor, Handels- und Investment-Beziehungen anzukurbeln. Die Talsohle der Krise ist vorbei. Die Exporte zwischen Deutschland und der Ukraine steigen. Wir haben auch vereinbart, dass schleswig-holsteinische Unternehmen die Ukraine besuchen werden. Sanktionen sind immer ein schwieriges Instrument. Aber sie sind der bessere Weg gegenüber der Gewalt. Und Russland spürt die Sanktionen sehr wohl.

Russland und die Ukraine sind Nachbarn, daran wird sich nichts ändern. Sehen Sie eine umsetzbare Lösung für den Konflikt? Etwa Amnestien für Separatisten?

Diese sind ja Teil der Vereinbarungen von Minsk. Aber eine Amnestie darf kein Passierschein für alle Verbrecher sein. Sie soll für die Menschen gelten, die aus der Not heraus oder unter Zwang mit den Separatisten zusammengearbeitet haben.

Welche Zukunft sehen Sie für die Beziehung zwischen Russland und der Ukraine?

Früher oder später wird eine Normalisierung einsetzen – auch wenn es wohl Jahrzehnte dauern wird. Das Vertrauen ist zerstört. In Sicht ist eine Lösung nicht. Da muss man realistisch bleiben. Es herrscht Funkstille zwischen Russland und der Ukraine. Das hat aber mit der russischen Kultur nichts zu tun. Die Hälfte der Ukrainer spricht zuhause Russisch. Doch was die russische Führung den Ukrainern antut, können wir nicht tolerieren.

Werden Sie auf dem Internationalen Markt den russischen Stand besuchen?

Ich bin kein großer Fan der russischen Küche, ehrlich gesagt. Deshalb wahrscheinlich nicht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen