Mit Rollstuhl auf der Kieler Woche : Barrierefreie KiWo: Es geht in kleinen Schritten voran

Kraftakt: Maren Nitschke-Frank schiebt sich mit ihrem Rollstuhl über eine Kabelbrücke auf dem Weg zum Behinderten -WC.
1 von 3
Kraftakt: Maren Nitschke-Frank schiebt sich mit ihrem Rollstuhl über eine Kabelbrücke auf dem Weg zum Behinderten -WC.

Rollstuhlfahrer loben den Fortschritt bei der Gestaltung der Festmeile.

23-48119642_23-74935657_1445954725.JPG von
27. Juni 2015, 12:11 Uhr

Sie presst die Lippen eng zusammen. Mit vereinten Kräften versucht Maren Nitschke-Frank rückwärts die rund zehn Zentimeter hohe Kabelbrücke an den Toilettenhäuschen am Rathausplatz zu überqueren. Vorwärts hat es keinen Sinn. „Dafür ist die Steigung zu groß." Nitschke-Frank, 71, hat vor einem Verkehrsunfall vor gut 38 Jahren beide Unterschenkel verloren. Sie trägt zwar Prothesen, „aber wenn das Wetter umschlägt oder die Beine geschwollen sind, sitze ich auch mal im Rollstuhl."

Mit diesem ist sie nur sehr selten auf der Kieler Woche unterwegs. „Mir ist es einfach zu voll, aber das Kopfsteinpflaster am Rathausplatz ist für Rollifahrer auch echt eine Katastrophe - da wird man richtig durchgeschüttelt." Zwar gebe es daher extra ebenerdig gepflasterte Streifen quer über den Platz, doch die sind an den meisten Stellen von Verkaufsbuden oder Tischen zugestellt. Gut seien dagegen die Rampen, der Stadt um die langgezogenen Treppenstufen am hinteren Ende des Rathausplatzes zu überwinden. Das finden auch etliche Passanten, die ohne erkennbare Gehbehinderung die Rampen ebenfalls nutzen - was Nitschke-Frank überhaupt nicht gefällt.

Regelmäßig muss sie Passanten darum bitten, ihr Platz zu machen. „Das ist leider typisch“, sagt sie. „Kaum ist eine Rampe da, gehen gleich alle rüber." Es sind Kleinigkeiten, über die sie sich aufregt. „Im Vergleich vor zehn, 20 Jahren hat sich schon Vieles zum Besseren geändert.“

Das sieht auch Brigitte Hinrichs so. „Wenn man sieht, was sich alles getan hat, würde ich der Kieler Woche in puncto ,Barrierefreiheit' eine 2+ geben", sagt die stellvertretende Vorsitzende des Beirats für Menschen mit Behinderung. „Aber in Schilksee ist es oft nicht barrierefrei und an einigen Stellen fehlen Behindertentoiletten, weil die Hersteller einfach zu wenige bereitstellen.“ Das sieht auch Nitschke-Frank so. „Es könnten in der Tat mehr Klos sein.“ Doch mit der Kritik will sie es nicht übertreiben. „Es gibt auch Stellen, da können die Rampen nicht flacher sein wegen Feuerwehrzufahrten und Verkaufsstände sind so hoch, weil sie nach hinten auf dem Bordstein abschließen." Verständnis dafür bringt auch Hinrichs auf. „Die Zusammenarbeit mit der Stadt klappt hervorragend, es wird viel für die Inklusion getan.Ë

Und das auch am Bootshafen: Dort wurde dieses Jahr erstmals eine behindertengerechte Rampe unter der Ocean-Jump-Sprunganlage errichtet, damit auch Rollstuhlfahrer möglichst nah am Geschehen die Wettbewerbe verfolgen können – eine Vorgabe der Stadt. „Bereits bei der Vergabe der Standflächen achten wir auf Barrierefreiheit“, sagt Stadtsprecherin Verena Dittrich. „Vor Beginn der Segel- und Festwoche erfolgt dann eine gemeinsame Begehung der großen Veranstaltungsflächen Hörn, Rathausplatz und Kiellinie durch Mitarbeiter des Kieler-Woche-Büros und Mitglieder des Beirates für Menschen mit Behinderung.“

Maren Nitschke-Frank sagt es so: „Es geht in kleinen Schritten voran." Aber komplett barrierefrei werde die Kieler Woche wohl nie, wie sie nüchtern einschätzt. „Dafür besteht einfach an zu vielen Stellen Handlungsbedarf.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen