Der Kanal-Fährmann : "Wir müssen immer wachsam sein"

Besonders an den Wochenenden herrscht auf den Fähren Hochbetrieb. Foto: Brumm
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Besonders an den Wochenenden herrscht auf den Fähren Hochbetrieb. Foto: Brumm

Johannes Jessen steuert die Fähre Breiholz jeden Tag über den Nord-Ostsee-Kanal. Der Kapitän verrät, warum ihm diese monoton scheinende Tätigkeit nie langweilig wird.

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17. Dezember 2007, 11:26 Uhr

Er schipperte 32 Jahre über die Weltmeere, knapp die Hälfte davon als Kapitän auf Containerschiffen und Stückgut-Frachtern. Seit neun Jahren ist Johannes Jessen (56) nun "Kapitän" auf der Kanalfähre Breiholz, fährt im Minutentakt von einem Ufer zum anderen. Langweilig? "Nein", sagt Jessen, "ich habe in den ganzen Jahren noch nicht einen langweiligen Tag gehabt. Es gibt hier keine Ruhe."
Noch gut erinnert sich der Hohenwestedter an die beiden großen Pötte, die sich eine Wettfahrt lieferten. Dies führte zu einem gewaltigen Sog, so dass die Fähre um anderthalb Meter absackte. Zum Glück hatte der erfahrene Seemann dies vorher geahnt und seine Passagiere aufgefordert, schnell von Bord zu gehen. Danach fuhr Jessen die Fähre etwas vom Anleger weg, um sie trotz des Sogs in Position zu halten. So verlief zum Glück alles glimpflich.
Auf unsachliche Kommentare gibts passende Worte
Für genügend Abwechslung sorgt aber auch so mancher Fahrgast. Immer wieder sind welche dabei, die wegen der Wartezeit schimpfen oder nicht auf die Anweisung des Decksmanns achten. In den meisten Fälle sind dies Touristen, die sich mit den Gegebenheiten nicht auskennen und einfach drauf losfahren. Jessen: "Alle wollen in der ersten Reihe stehen, um auf den Kanal zu gucken", erzählt Jessen schmunzelnd. Werden sie zur Ordnung gerufen, fallen dann schon mal "unsachliche Kommentare", aber die sehen Jessen und sein Kollege gelassen. "Die kriegen dann ein paar passende Worte", sagt der Fährmann, der seinen Arbeitsplatz hoch oben im Führerhaus hat. Mit zwei Joysticks lenkt er routiniert die zwei Antriebspropeller, während er ständig alles im Auge behält. "Wir müssen immer wachsam sein und für die anderen mitdenken", sagt Jessen.
Gerade an den Sommer-Wochenenden gehört oft viel Geschick dazu, im passenden Moment über den Kanal zu fahren. Dann sind besonders viele Schiffe unterwegs. Grund: In zahlreichen mittelgroßen Häfen ruht die Arbeit. Um unnötige Hafengebühren zu vermeiden, wird die Zeit zur Kanalpassage genutzt. Hinzu kommen in der schönen Jahreszeit die vielen Sportboote. Grundsätzlich gilt, dass die Schifffahrt vorfahrtsberechtigt ist, die Fähren in der Ausweichpflicht sind.
Vierzig Sekunden Fahrt, höchstens zehn Minuten am Ufer
Aus Sicherheitsgründen dürfen die Fähren erst dann ablegen, wenn Schiffe weiter als 600 Meter entfernt sind. "Diesen Abstand müssen wir auch gern haben", sagt Johannes Jessen, der im Führerhaus nicht nur über Radar verfügt, sondern sich auch über Funk mit der Kanallenkung und den Schiffsführungen in Verbindung setzen kann. Dies ist besonders bei schlechtem Wetter nötig, "wenn man nicht über den Kanal gucken kann". Ungemütlich wird es auf dem Kanal auch, wenn ein Orkan für bis zu ein Meter hohe Wellen sorgt. "Dann muss ich mit der Spitze ein bisschen in die See reindrehen, um das Schaukeln abzumildern", erklärt Jessen, der für die Kanalüberquerung genau eine Minute und vierzig Sekunden benötigt. Er und seine Kollegen versuchen, nach maximal zwei Minuten wieder abzulegen. Die Breiholzer Fähre befördert im Jahresdurchschnitt 23600 Pkw, 1300 Lkw, 4680 Fußgänger und 900 Motorräder. Die anderen Fähren sind ähnlich ausgelastet, nur bei den Fußgängern gibt es an einigen Fährstellen eine höhe Frequentierung.
Die Standard-Fähre ist 29 Meter lang und neun Meter breit, hat einen Tiefgang von 1,98 Metern. Die Mindestgröße einer Kanalfähre wurde von den Planern des Nord-Ostsee-Kanals danach festgelegt, wie viel Platz ein Dithmarscher Trauerzug benötigt. Vorne ein Vierspänner, dann der Leichenwagen mit dem Sarg, dahinter die trauernde Familie. "Berechnet wurde daraufhin, dass eine Fähre mindestens ein Gewicht von 20 Tonnen aushalten muss", erklärt Manfred Cygan (47), Fährmeister bei der Kanalverwaltung in Rendsburg. Heute haben die Fähren eine Traglast von 45 Tonnen. Für einen Lkw liegt die Obergrenze bei 38 Tonnen. Der Lkw-Fahrer muss dem Decksmann signalisieren, dass sein Laster voll beladen ist. Denn die Fähren dürfen einen 40-Tonner nur allein transportieren. Der Lkw muss dann aus Sicherheitsgründen mittig auf der Fähre stehen.
Alle Kanalfähren fahren kostenlos für ihre Passagiere
Dagegen wurde mit der Inbetriebnahme des Kanals festgeschrieben, dass die Nutzung der Fähren kostenlos ist. Bis auf die Tagesfähre in Nobiskrug, die Schwebefähre in Rendsburg und die Fähre Fischerhütte sind alle Fähren rund um die Uhr im Einsatz. Die Besatzungen arbeiten in einem Drei-Schicht-Betrieb. Tagsüber gibt es für die Fährleute vier Pausen von jeweils einer Viertelstunde, zwei in der Nacht.
Eine Besatzung besteht aus dem Fährschiffführer und dem Decksmann. Johannes Jessen und sein Decksmann Heinrich Messer (60) sind schon seit Jahren ein Team. "Wir verstehen uns auch ohne Wort, das ist hier ganz wichtig", betont der erfahrene "Seebär" und berichtet, dass die Fähren technisch ausgereift sind und es kaum zu Ausfällen kommt.

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