Die Schiffsbegrüßer bei Rendsburg : Sie spielen sogar die Papst-Hymne

Ohne Fernglas geht nichts in der Schiffsbegrüßungsanlage. Foto: Brumm
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Ohne Fernglas geht nichts in der Schiffsbegrüßungsanlage. Foto: Brumm

Nicht nur für die Traumschiffe aus aller Welt erklingt am Rendsburger Kanalufer die jeweilige Nationalhymne. Die Schiffsbegrüßer heißen alle willkommen.

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23. März 2009, 08:00 Uhr

"Hallo verehrte Gäste. Es nähert sich die Husky Runner, ein Container-Schiff auf der Fahrt von Bremerhaven nach Riga." So begrüßt Wolfgang Martens (62) die Gäste in "der ersten Reihe", wie der pensionierte Polizeibeamte schmunzelnd sagt.
Mit der "ersten Reihe" meint er den Wintergarten des Ausflugslokals "Brückenterrassen" am Ufer des Nord-Ostsee-Kanals (NOK) in Rendsburg, gleich neben der historischen Eisenbahnbrücke. Von hier aus haben die Gäste einen freien Blick auf die Wasserstraße und die Schiffe, die vorbeifahren. Und sie bekommen alle Informationen über passierende Frachter, Containerschiffe und Kreuzfahrer aus erster Hand. Dafür sorgt seit 1996 das Team der Schiffsbegrüßung, das in einem Pavillon zwischen Ausflugslokal und Kanal untergebracht ist. Jeden Tag von zehn Uhr morgens bis zum Sonnenuntergang sind die Schiffsfreunde auf dem Posten.
Erst die Daten, dann die Hymne, dann die Flaggen
"Heute bin ich für die Schiffe zuständig", erklärt Wolfgang Martens und liefert seinen Gästen gleich reichlich Daten über die Husky Runner: 140 Meter lang, 24 Meter breit, 8,80 Meter Tiefgang, voll beladen.
Kaum hat Martens die Infos wie ein professioneller Moderator übers Mikrofon vermittelt, erklingt die Nationalhymne des vorbeifahrenden Schiffes. "Wir haben 220 Hymnen gespeichert", erzählt Martens, und sein Teamkollege Ernst Maasch (70) ergänzt scherzend: "Der Vatikan hat zwar keine Schiffe, aber seine Hymne haben wir trotzdem. Sollte der Papst mal vorbeischwimmen, spielen wir ihm sein Lied."
Mit dem Erklingen der Hymne ist es aber nicht genug. Wie in der Seefahrt üblich, muss bei einer Begrüßung das Dippen der Flaggen folgen. Per Knopfdruck setzt Martens die Deutschland-Fahne, die nebenan an einem zehn Meter hohen Mast weht, über Motor und Seilwinde in Bewegung. Einmal fast bis auf die Hälfte herunter und dann wieder hoch. Danach tritt der Schiffsbegrüßer ans Kanalufer und winkt der Besatzung zu. "Die meisten grüßen zurück und dippen auch ihre Flagge", erzählt Martens, der sich mächtig freut, wenn dann noch zusätzlich das Schiffs-Typhon laut über den Kanal tönt. "Das dürfen die eigentlich nicht. Aber sie freuen sich so über unser Willkommen, dass sie gar nicht anders können", sagt der Pensionär aus Schacht-Audorf. Er ist in bester Laune und "erschreckt" deshalb auch gleich die Ruderer, die hier regelmäßig ihre Strecke absolvieren, mit der Deutschland-Hymne.
Computer kann nicht sagen, wann ein Schiff in Rendsburg ist
Viel Zeit für Späßchen bleibt dem Schiffsbegrüßer aber nicht. Aus der Kurve bei Rade kommt schon der nächste Pott. Schnell das Fernglas und sehen, um welchen Frachter es sich handelt. Zwar ist die Schiffsbegrüßung online mit dem Schiffsmeldedienst in Hamburg verbunden, der alle Kanalpassagen meldet. Doch wann genau ein Schiff Rendsburg erreicht, kann der Computer nicht sagen. Grund: Allein die Kanallenkung entscheidet, ob ein Schiff in einer Weiche einen Zwischenstopp einlegen und den Gegenverkehr passieren lassen muss oder zügig den NOK passieren kann. So sind Martens und seine Kollegen auf Fernglas und gute Augen angewiesen. Dabei geraten sie schon mal in Stress, wenn ein Pott nach dem anderen auf sie zufährt. Martens: "Wir müssen auch ohne PC klar kommen." Steht der Name des Frachters fest, wird schnell die Karteikarte mit den Infos gezogen. Darauf hat das Team alles notiert, was ebenfalls nicht im Computer steht: Heimathafen, Baujahr, Maschinenleistung, Bruttoraumzahl. Hinzu kommen spezielle Angaben wie die Anzahl der Autos, die ein Autofrachter laden kann. Oder welches Land ein Getreidefrachter ansteuert.
Gerne lassen die Schiffsbegrüßer zur Unterhaltung der Gäste ihre Fantasie spielen, spinnen ein wenig Seemannsgarn. "Wenn ich erzähle, dass einmal die Woche, immer am Mittwochabend, das Kanalwasser abgelassen wird, lachen die sich tot", sagt Martens, der in seiner Kindheit in Brunsbüttel eine Liebe zum Kanal entwickelt hat, die er jetzt im Ruhestand richtig ausleben kann.

Stolz ist er darauf, dass sich zwischen der Mannschaft der Schiffsbegrüßung und den Seeleuten auf den Schiffen verschiedene Kontakte entwickelt haben, wovon auch die Weihnachtspost zeugt. Ernst Maasch: "Die Resonanz von den Schiffen ist sehr groß." Eine Crew aus Lettland war sogar enttäuscht, dass sie die Flagge ihres Heimatlandes nicht an der Begrüßungsanlage entdecken konnte. Prompt hinterließ der Kapitän eine Lettland-Fahne an der Lotsenstation Rüsterbergen - mit dem Hinweis, er wolle sie beim nächsten Mal an der Rendsburger Schiffsbegrüßung sehen.

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