Neues Verkehrssicherungssystem : Schneller durch den Kanal dank Technik

Jeder Strich ein Schiff: Projektleiter Christian Herrlich sieht auf dem Bildschirm die Position jedes Schiffes auf dem NOK. Foto: Brumm
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Jeder Strich ein Schiff: Projektleiter Christian Herrlich sieht auf dem Bildschirm die Position jedes Schiffes auf dem NOK. Foto: Brumm

Wirtschaftlicher, sicherer und effizienter soll das neue Verkehrssicherungssystem die Schifffahrt auf dem Kanal machen. Der Bund investiert 12,5 Millionen.

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17. Dezember 2007, 11:02 Uhr

Für die Schifffahrt ändert sich nichts, doch hinter den Kulissen wurde in den vergangenen Jahren eine technische Revolution umgesetzt: Das Verkehrsicherungssystem des Nord-Ostsee-Kanals (NOK) läuft ab Anfang Oktober fast vollelektronisch. Mit dem Ziel, dass der Kanal wirtschaftlicher arbeitet, die Schiffspassagen sicherer und schneller werden. Der Bund als Betreiber der meist befahrenen künstlichen Wasserstraße der Welt investierte dafür 12,5 Millionen Euro.
Die Wirtschaftlichkeit soll dadurch erreicht werden, dass die zwölf Weichen entlang der Wasserstraße nicht mehr besetzt sind, die Signalsetzung und die Positionsmeldungen elektronisch erfolgen. Weichen sind die Ausbuchtungen im Nord-Ostsee-Kanal, in die die Schiffe fahren, wenn sie dem Gegenverkehr ausweichen müssen. Die 72 betroffenen Weichenwärter erhalten einen anderen Arbeitsplatz.
Alle Schiffe werden von Brunsbüttel aus gelenkt
Aufgelöst wird auch die Kanal-Lenkung in Kiel-Holtenau. In Zukunft wird es nur eine Verkehrszentrale in Brunsbüttel geben. Hierfür wurde bereits der alte Zentral-Leitstand auf der Schleuseninsel in Brunsbüttel erweitert und völlig modernisiert. Die Kanzel mit Sicht auf die Schleusenanlage ist fast doppelt so groß geworden. Hier sitzen neben den beiden Schleusenmeistern künftig an drei weiteren Arbeitsplätzen die Nautiker, die den Schiffsverkehr durch den Kanal lenken. Dabei nimmt ihnen die Technik vieles ab. Sie müssen nicht mehr wie früher die Positionen der einzelnen Schiffe mit dem Bleistift auf dem Weg-Zeit-Diagramm einzeichnen. Dies übernimmt jetzt der Computer. "Doch die Entscheidung, welches Schiff in eine Weiche muss, trifft immer noch der Mensch", sagt Christian Herrlich (32), der zuständige Projektleiter. Denn nur ein erfahrener Seemann und Nautiker kann die Schiffe und das Wetter richtig einschätzen.
Begegnen sich beispielsweise bei starkem Seitenwind ein schwerer Öltanker und ein Traumschiff mit seinen hohen Aufbauten ist für einen Seemann klar, dass der Tanker in die Weiche muss. "Der hält sich besser auf der Stelle als das leichte, windanfällige Traumschiff. Aber das kann der Computer natürlich nicht wissen", unterstreicht Herrlich.
Neue Technik hilft, Schleusenzeiten zu verringern
Die moderne Digital-Technik kann aber allen, die mit der Schiffspassage zu tun haben, die notwendigen Informationen liefern und damit ihre Arbeit erleichtern. So erhält der Schleusenmeister Infos über die erwartete Ankunftszeit eines Schiffes sowie Größe und Antriebsart. Dies ermöglicht ihm, die Schiffe so optimal in die Kammer zu leiten, dass die Schleusungszeit möglichst kurz ist. Erfasst werden die Schiffsdaten im Schiffsdaten-Verarbeitungssystem, auf das alle Beteiligten Zugriff haben und es gegebenenfalls auch ergänzen können. „Damit haben die Faxe und Telefon-Ketten entlang des Kanals ein Ende", erklärt Herrlich. Die Daten eines Schiffes, das den NOK ansteuert, liefert die Anmeldestelle, oder der zuständige Makler vorab. Je nach Größe, Tiefgang und auch Ladung erhält jedes Schiff eine Kennziffer von 1 bis 6. Aneinander vorbeifahren dürfen Schiffe auf dem Ostteil des Kanals nur, wenn ihre addierten Kennziffern nicht die Zahl 6 übersteigt. Auf dem westlichen Teil gilt die Sieben, bei Schiffen mit geringen Tiefgängen sogar die Acht, denn dort ist der NOK breiter. Ein mittleres Containerschiff der Verkehrsgruppe 4 und zwei kleine Frachter der Verkehrsgruppe 1 können sich demnach ohne Probleme begegnen. Zwei Containerschiffe der Klasse 4 schon nicht mehr. Einer dieser Pötte müsste dann in eine Weiche.
Seit der Inbetriebnahme des Kanals vor mehr als 100 Jahren wird nach diesem System verfahren. Es wurde geschaffen, damit der NOK rund um die Uhr in beide Richtungen befahrbar ist. "Daran wird sich auch nichts ändern, das Prinzip hat sich sehr bewährt", betont Herrlich. Mit der neuen Technik ist es aber jetzt möglich, die Schiffe reibungsloser durch den fast hundert Kilometer langen Kanal zu lenken.
Jedes Schiff wird eindeutig identifiziert
Dabei hilft das Automatic Identification System (AIS), mit dem heute bis auf kleine Schlepper und Binnenfrachter alle Schiffe ausgerüstet sind. Schiffe, die über kein eigenes AIS verfügen, können sich an den Schleusen eines leihen. AIS sendet alle zehn Sekunden per Funk die Schiffsdaten sowie die genaue Position. Diese Signale werden von fünf AIS-Empfängern entlang des Kanals aufgefangen. Installiert sind sie in Brunsbüttel, Grünental, auf der Rendsburger Hochbrücke, in Königsförde sowie in Kiel. "Bis auf zehn Meter genau wissen wir so, wo sich welches Schiff befindet. So ist eine optimale Verkehrslenkung möglich", erklärt Herrlich. Das Weg-Zeit-Diagramm auf den großen Bildschirmen der Schiffslenkung wird mit diesen Daten nicht nur ständig aktualisiert, sondern zeigt auch sofort an, wo es zu "unerlaubten Begegnungen" kommen könnte. Hier schaltet sich dann der Nautiker ein und weist am PC einem Schiff eine Wartezeit in der Weiche zu. Dort werden dann die Weichen-Signale auf Rot gesetzt. Herrlich: "Die funktionieren ähnlich wie normale Ampeln, aber mit zahlreichen unterschiedlichen Signalbildern."

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