Raddampfer "Freya" : Mit Volldampf durch den Kanal

Volle Fahrt voraus: 'Freya'-Kapitän Peter Sparr gibt über den Maschinentelegrafen auf der Brücke das Kommando an den Maschinenraum. Foto: Mormann
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Volle Fahrt voraus: "Freya"-Kapitän Peter Sparr gibt über den Maschinentelegrafen auf der Brücke das Kommando an den Maschinenraum. Foto: Mormann

Schneeweißer Rumpf, braune Fensterrahmen, angetrieben von zwei Schaufelrädern - so schiebt sich die "Freya" über den Nord-Ostsee-Kanal. Die Attraktion wird immer beliebter.

shz.de von
23. März 2009, 07:56 Uhr

"Moin moin an Bord", schallt es durch die Lautsprecher des historischen Raddampfers "Freya". Kapitän Peter Scharr begrüßt seine Passagiere. Sie wollen den Nord-Ostsee-Kanal entdecken - per Schiff.
Sparr zieht an einer von drei Kordeln in seiner Brücke. Ein helles Tuten hallt über die Kieler Hörn. Eine dicke Dampfwolke umhüllt den weißen Schornstein der 1905 gebauten "Freya". Es ist zehn Uhr morgens, der Raddampfer legt ab. Sein Ziel: Rendsburg. 120 Mal im Jahr fährt das Schiff diese Strecke, Charterfahrten kommen hinzu. "Wir haben im Jahr 2000 mit 30 Kanalfahrten begonnen", sagt Reeder Sven Paulsen. Seitdem steige die Nachfrage jedes Jahr. Vor allem bei Einheimischen. "Rund 90 Prozent unserer Gäste kommen aus Schleswig-Holstein", so Paulsen. Dass sich die Nordlichter für "ihren" Kanal interessieren, erklärt er sich so: "Sie suchen nach Ausflugszielen, zu denen sie nicht weit fahren müssen. Und dazu hat unser Schiff ein historisches Ambiente. Die Mischung stimmt." Seit 2006 fährt als zweites Schiff die moderne "Adler Princess" auf dem Kanal.
Kommunikation wie auf der Titanic
Die "Freya" hat abgelegt. Kapitän Sparr stellt den Maschinen-Telegrafen auf "Volle Kraft voraus". Das Zeichen für Maschinist Peter Herzog, drei Decks tiefer die Ventile aufzudrehen und die 140 Pferdestärken in Schwung zu bringen. Der Telegraf auf der Brücke rattert, klingelt und ein kleiner Pfeil hinter Glas springt in das Feld "Volle Fahrt". Herzogs Antwort. Sparr schwärmt: "Ein kleines Stück Titanic."
In seinem Leben hat der 69-Jährige schon viele große Pötte gesteuert, war Kapitän auf großer Fahrt und Elblotse. Nun ist er pensioniert, kann aber von der Schifffahrt nicht lassen. Seit Sommer lenkt er die "Freya" - "aus Spaß an der Freude".
Kein Seemannsgarn: Fledermäuse im Brücken-Gemäuer

Dass er Spaß hat, merken die Passagiere an Sparrs Vorträgen. Er erzählt vom Bau der Alten Schleusen, durch die er den Dampfer in den Kanal lenkt. Er plaudert von den Weichenwärtern, die noch im vergangenen Jahr an den Ufern ihren Dienst taten. Und er weist die Passagiere auf die Levensauer Wassertreppe und die alte Hochbrücke hin, in deren Gemäuern Europas zweitgrößte Fledermaus-Population zu Hause ist.
Die Aufmerksamkeit der Fahrgäste ist jedoch auf den Salon gerichtet: Denn hier kommt just der Koch Daniel Wagner (30) hochgefahren - in einem großen Fahrstuhl direkt aus der Kombüse. Um Wagner herum: ein Büfett mit heißen und kalten Köstlichkeiten. "Ein bisschen Ente - Brust oder Keule?", offeriert er einer älteren Dame, die interessiert in die Pfannen schaut. Doch sie winkt ab: "Ick bün nich so’n groten Eeter, ober dat sücht allens so lecker ut."
Im Sommer wird der Maschinenraum zur Waschküche
Die "Freya" dampft gemütlich über den Kanal. Knapp sechs Knoten würde sie mit ihrer Maschine und den beiden Schaufelrädern schaffen. Acht Knoten (rund 15 Stundenkilometer) sollen es laut Vorschrift auf dem Kanal sein. "Deshalb haben wir noch einen Hilfsdiesel", sagt Maschinist Herzog (56). Während er einen Meter unter der Wasserlinie die stampfenden Kolben im Auge hat, schäumen die Wogen der großen Schaufelräder an zwei Bullaugen vorbei. Wie in einer Waschmaschine. "Im Sommer ist das hier tatsächlich eine Waschküche", sagt Herzog. Rekordtemperatur: 38 Grad.
Wenigstens muss auf der "Freya" niemand mehr Kohlen schippen - der Dampf wird mit Dieselkraftstoff erzeugt. "Wir fahren zu regelmäßig, die Arbeit wäre viel zu hart", sagt Herzog. Sein Maschinentelegraf klingelt: "Halbe Kraft". Die "Freya" ist in Rendsburg am Kreishafen. Dort legt sie an - für eine halbe Stunde. Dann zieht Kapitän Sparr wieder an der Kordel, tutet und steuert zurück nach Kiel.

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