Rendsburg : Lotse im Kanal: "Mein Traumberuf"

Große Schiffe durch den Kanal zu lenken, ist sein Job. Foto: Sopha
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Große Schiffe durch den Kanal zu lenken, ist sein Job. Foto: Sopha

Seine Karriere begann Martin Finnberg als Schiffsmechaniker. Heute führt er als Lotse Schiffe durch den Nord-Ostsee-Kanal. Ein Job, der viel Maßarbeit und Erfahrung erfordert.

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28. Dezember 2010, 05:07 Uhr

Rendsburg | Langsam zieht sie über seinen Kopf hinweg, die Rendsburger Hochbrücke. Martin Finnberg schenkt ihr nur wenig Beachtung. Konzentriert schaut er voraus, wirft einen kurzen Blick auf das Radar, wo der Nord-Ostsee-Kanal als gelber Streifen dargestellt wird. Er justiert den Hebel für die Geschwindigkeit so, dass das ungeschulte Auge es gar nicht bemerkt - Maßarbeit. Das Vibrieren des Bodens, der Tische, des Kaffees in seinem Becher gibt einen schwachen Eindruck von der Kraft, die das 155 Meter lange rote Schiff mit dem Namen "Containerships VIII" durch die Landschaft schiebt. Martin Finnberg ist Lotse - ein Traumberuf, wie er sagt.
Mit einer Geschwindigkeit von 15 Kilometern pro Stunde fährt das Schiff durch den Kanal. Finnberg ist über die Lotsenstation Rüsterbergen bei Kanalkilometer 55 in Schülp zugestiegen. Ein orangefarbenes Lotsenboot hatte ihn zur Leiter am Schiffsrumpf gebracht. Drei Stunden braucht er bei diesem Tempo, um die Container zur Schleuse in Kiel-Holtenau zu lotsen. Der Seemann ist Mitglied der Lotsenbrüderschaft NOK 2. Sie teilt sich mit der Lotsenbrüderschaft NOK 1 den Kanal. An den Rüsterbergen wechseln die Lotsen sich ab. Martin Finnberg ist einer von 1000 Lotsen deutschlandweit. Überall da, wo sich der Schiffsverkehr in engen Fahrwassern ballt, sind die Experten gesetzlich vorgeschrieben. Gerade der Kanal ist ein kompliziertes Gewässer. Es gelten verschärfte Vorschriften, die die Besatzung eines weltweit operierenden Schiffes nicht beherrschen kann.
Nebelfahrten sind besonders schwierig
"Der Kanal ist sehr eng, deshalb müssen wir viel manövrieren", sagt Finnberg. Besonders schwierig wird es bei Nebelfahrten. "Das erfordert höchste Konzentration. Weder der Kanal noch die Verkehrssignale sind dann zu sehen." An solchen Tagen muss sich der Lotse komplett auf den Funk und das Radar verlassen, "blind fahren", sagt er. Über den Funk wird auch geregelt, wann sich welches Schiff an welchen Stellen treffen kann. Die schwierigste, weil engste Stelle ist nahe der Levensauer Hochbrücke bei Kiel.
Während Finnberg und zwei Kanalsteuerer aus Brunsbüttel an Bord sind, kann die Besatzung entspannen. Nur der Kapitän des Schiffes sitzt über den Papieren, an seiner Pfeife ziehend. "Die meisten nutzen unseren Service für eine Pause und gehen schlafen", sagt Finnberg.
35 Prozent weniger Aufträge während der Wirtschaftskrise
Die Lotsen arbeiten freiberuflich. Und das mit allen positiven und negativen Konsequenzen: "Der Lotse verdient pro Schiff. Während der Wirtschaftskrise hatten wir von einem auf den anderen Monat 35 Prozent weniger Aufträge." Inzwischen habe sich der Markt zwar erholt, den Stand der Boomjahre 2006 bis 2008 aber noch nicht wieder erreicht. Auch kurzfristige Faktoren beeinflussen die Auftragslage. "Wenn schlechtes Wetter die Fahrt entlang der Küsten erschwert oder die Treibstoffpreise steigen, nutzen die Kapitäne vermehrt den Kanal", erklärt Finnberg.
Flexibilität und Einsatzbereitschaft sind im Lotsenwesen Grundvoraussetzung. Dennoch und gerade deshalb kann sich Finnberg kaum eine bessere Arbeit vorstellen: "Es ist der Traum eines jeden Seemanns: Der Lotse kann Schiffe manövrieren, hat mit internationalen Besatzungen zu tun, aber am Ende eines Arbeitstages schläft er zu Hause bei seiner Familie."
Karriere begann als Schiffsmechaniker
Seine Karriere begann Finnberg als Schiffsmechaniker. 14 Jahre ist er als Kapitän zur See gefahren - eine Voraussetzung um Lotse zu werden. Lange Zeit ist er für die Reederei Hamburg Süd gefahren. Der Indische Ozean und das Mittelmeer sind die einzigen Gewässer, die er bisher noch nicht gesehen hat.
Inzwischen dämmert es. Die Umrisse der Schleuse kommen in Sicht. Die "Containerships VIII" fährt am nächsten Tag weiter nach Klaipeda in Litauen, Helsinki und schließlich St. Petersburg. Martin Finnberg fährt nach Plön zu seiner Familie.

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