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Thema: Arbeit : „Wir brauchen gute Erfahrungen“

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Stephanie Hülden und Nico Monecke schlüpfen für wenige Stunden in die Rolle eines Journalisten und dürfen in dieser Zeit Kristin Alheit interviewen. Die Sozialministerin von Schleswig-Holstein stellt sich ihren kritischen Fragen.

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Stephanie Hülden gibt ihre Nervosität offen zu. Es  liegt ja auch ein besonderer Termin vor der 45 Jahre alten Frau aus Schenefeld. Mit einer Ministerin spricht man nun mal nicht jeden Tag – und vor allem nicht in der ungewohnten Rolle der Journalistin. Nico Monecke hingegen zeigt sich ganz cool. „Das werden wir schon schaukeln“, sagt der 37-Jährige. Es ist kurz vor 17 Uhr an einem Dienstag. Sowohl Stephanie Hülden als auch Nico Monecke haben ihren eigentlichen Arbeitstag schon hinter sich. Stephanie Hülden arbeitet als Küchenhilfe in einem Kindergarten  der Lebenshilfe Schenefeld, Nico Monecke  in der Telefonzentrale des Lebenshilfewerks Pinneberg. Nun sind sie nach Kiel ins Sozialministerium gekommen, um Ministerin Kristin Alheit zu interviewen. Doch erstmal stellt die Ministerin ihren Gästen einige Fragen, möchte wissen woher sie kommen und was genau sie in ihrem Alltag machen. Dann aber wendet sich das Blatt langsam. Stephanie Hülden und Nico Monecke übernehmen das Ruder.

Stephanie Hülden: Warum gibt es nicht genug behindertengerechte Wohnungen, die auch für Rollstuhlfahrer geeignet sind? Und vor allem: Die auch bezahlbar sind. Die Mieten sind ja recht hoch und wir Behinderten haben nicht soviel.Kristin Alheit: Bezahlbarer Wohnraum ist allgemein ein Problem in Regionen wie dem Hamburger Rand. Das merken wir deutlich. Um da überhaupt Drive rein zu kriegen, hat die Landesregierung die Offensive für bezahlbares Wohnen in Schleswig-Holstein gestartet. Für die soziale Wohnraumförderung stellt die Landesregierung, federführend das Innenministerium, dafür erhebliche Mittel bereit. Dabei spielt auch der einfache Zugang für Menschen mit Behinderung eine wichtige Rolle. Nach der geltenden Landesbauordnung muss beispielsweise bei Neubauten mit mehr als 2 Wohneinheiten, die Barrierefreiheit besonders berücksichtig werden. Auch bei der Förderung wird Barrierefreiheit besonders berücksichtigt.

Stephanie Hülden: Es muss auch die Möglichkeit geben, im Erdgeschoss zu wohnen. Nico zum Beispiel kommt in viele Wohnungen gar nicht rein und raus. Und vor allem, dass auch überall mehr Fahrstühle sind.
In vielen neueren Wohneinheiten ist es ja auch schon so. Aber es ist in der Tat schade, dass es nicht flächendeckend möglich ist. Auch ältere Menschen haben eigentlich den gleichen Bedarf. Wenn jemand auf einen Rollator angewiesen ist, braucht er auch eine breitere Tür. Der kann auch keine Schwelle gebrauchen. Das Problem ist: Die Landesregierung baut nicht. Wir können durch Förderprogramme bestimmte Anregungen zur Verfügung stellen. Das machen wir auch. Wir können Gespräche führen oder Beratung anbieten, wie beispielsweise durch die Koordinationsstelle für innovative Wohn- und Pflegeformen, aber bauen, das machen eben andere. Aber wir sehen auf jeden Fall das Problem, auch wenn wir es noch nicht gelöst haben.

Stephanie Hülden: Warum ist es für behinderte Menschen so schwer eine Wohnung auf den freien Wohnungsmarkt zu finden?
Im Moment ist es für Menschen mit nicht so hohem Einkommen insgesamt in Gebieten hoher Nachfrage sehr schwierig, eine Wohnung zu bekommen. Je spezieller das wird, umso mehr verschärft sich das. Daher setzt die Landesregierung auch Anreize, um Investoren zu motivieren, die auch diese Notwendigkeit erkennen und bezahlbaren Wohnraum herstellen. Aber die demografische Entwicklung schreitet schnell voran, so dass es zusätzlich schwierig ist.

Nico Monecke: Würde es denn die Möglichkeit geben, dass man als Paar in einem Haus unten wohnen kann und oben quasi trotzdem noch Betreuer da wären, wenn dann wirklich mal was ist, so dass man immer zur Not auf die Betreuer zurückgreifen kann?
Das wäre eine spannende andere Art des Wohnens. Eben nicht in einer festen Wohngruppe, sondern wenn ich das richtig verstehe, etwas unabhängiger – in der Art eines ambulanten Betreuungsdienstes. So eine Idee noch mal weiter zu denken, finde ich spannend und ist mir als Modell in Schleswig-Holstein bisher ehrlicherweise nicht bekannt, wenngleich ich sicher bin, dass es Ansätze in diese Richtung gibt.

Nico Monecke: Ich habe eine feste Freundin. Bisher kommt sie jedes zweite Wochenende zu mir nach Hause in die Wohngruppe. Sie hat zwar auch eine eigene Wohnung, aber die ist oben im ersten Stock.
Da kommen Sie im Rollstuhl gar nicht rein.

Nico Monecke: Genau. Also kommt sie jedes zweite Wochenende dann zu mir, von Freitag- bis Sonntagabend. Es gibt halt nicht so viele Rückziehmöglichkeiten, wenn man zu zweit in einem Zimmer ist, wenn doch mal was sein sollte.
Das stimmt. Wenn man dann zusammenleben wollte, müsste die Wohnung wahrscheinlich Ihren Bedürfnissen entsprechen, weil Sie mit dem Rollstuhl andere Bedürfnisse haben. Also ich finde das eine spannende Idee, aber ich habe eine solche Wohnung hier gerade nicht im Angebot.

Stephanie Hülden: Warum sind die Veranstaltungen und Konzerte so teuer, so dass sich ein behinderter Mensch die kaum leisten kann?
Also ich finde, dass das für viele Menschen viel zu teuer ist. Ich habe Musicalkarten zu meinem Geburtstag geschenkt bekommen. Da habe ich auf die Karten geguckt und auch gedacht: Wahnsinn, wer kann denn hier reingehen?

Stephanie Hülden: Was war das für ein Musical?
Das war Tarzan. Viele Dinge, die zum gesellschaftlichen Leben gehören, sind sehr teuer. Beispielsweise wenn eine Familie ins Schwimmbad gehen will. Klar, ich kann mir das leisten, aber ich kann mir vorstellen, was es heißt, ein normales Gehalt zu haben. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Frage, was zu einem Teilhabe-Anspruch dazu gehört. Ob da jetzt Tarzan zugehört, das sei mal dahingestellt. Man kann sicherlich nicht alles haben.

Stephanie Hülden: Warum kriegen eigentlich die behinderten Menschen so einen niedrigen Lohn?
Darf ich fragen, wie viel Sie erhalten?

Stephanie Hülden: 100 Euro und 91 Cent im Monat.
Das ist natürlich nicht so besonders viel. Normalerweise werden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für das bezahlt, was sie leisten, was sie an Mehrwert für ihren Arbeitgeber bringen. Oftmals ist dort eine Differenz zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Deswegen muss man auch einen Anreiz geben, Menschen mit Behinderungen einzustellen. Das macht der Arbeitgeber nicht nur, weil er die Arbeitskraft haben möchte, sondern auch, weil es wichtig ist, dass Sie Arbeit haben. Es ist wichtig, dass Sie den Tag vernünftig und sinnvoll verbringen. Insgesamt hat es etwas damit zu tun, wie Arbeit in unserer Gesellschaft bewertet wird. Wir müssen gar nicht darüber reden, ob ich das immer richtig finde. Vielleicht haben Sie eher das Gefühl, es wäre mehr ein Taschengeld denn ein Lohn, von dem sie sich auch finanzieren und leben könnten.

Stephanie Hülden:  Ja, das stimmt.
Dafür werden Sie auf andere Weise unterstützt. Wie zum Beispiel in Ihrer Situation, Herr Monecke, in der Wohngruppe. Arbeitsleistung wird in unserer Gesellschaft nach dem Marktwert bezahlt – und der Marktwert dessen, was sie leisten, ist eben auch ein anderer. Ich kann verstehen, dass Ihnen das gemein erscheint. Ich weiß nicht, wie viel sie arbeiten.

Stephanie Hülden: Ich arbeite in der Woche 35 Stunden.
Es sind nicht ganz 40, aber dafür ist es erheblich weniger Gehalt als bei anderen Menschen. Aber so wird die Arbeitsleistung eben bewertet. Und Sie werden davon wahrscheinlich auch nicht Ihre Unterkunft und sonstige Lebenshaltungskosten bezahlen müssen.  

Nico Monecke: Ich arbeite  acht Stunden und kriege am Tag fünf oder sechs Euro. Dafür würde von Ihnen wahrscheinlich keiner aufstehen.
Ob ich dafür nicht aufstehen würde, kann ich nicht sagen, aber ich würde schon denken, meine Arbeit ist wertvoller. Aber nochmal überlegt: Ihr Kindergarten, Frau Hülden, würde der Sie beschäftigen, wenn er für Sie 2.000 Euro bezahlen müsste wie der angestellten Küchenkraft, die der Küche vorsteht?

Stephanie Hülden: Ich weiß gar nicht, was mein Chef da kriegt.
Das weiß ich auch nicht. Aber ich vermute er bekommt wesentlich mehr. Ich habe ein Interesse daran, dass Menschen mit Behinderung ganz normal in Betrieben tätig sind. Da haben viele Arbeitgeber aber noch ganz große Ängste. Was ist, wenn das nicht funktioniert? Was ist, wenn sich das nicht lohnt? Was ist, wenn mein Aufwand größer ist, als das, was es den Menschen und dem Betrieb bringt? Und eine andere Frage ist eben, wie wird die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter bezahlt? Muss ich ihr so viel bezahlen, wie jemanden, der viel schneller arbeitet? Dies ist nicht so, stattdessen greift dabei häufig ein anderes Finanzierungsmodell. 

Stephanie Hülden: Wie viele Menschen mit Behinderungen muss eigentlich ein großer Betrieb einstellen? Und wieso können die sich freikaufen?
Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern haben eine Aufforderung, fünf Prozent der Angestellten mit Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Erfüllen sie diese Quote nicht, müssen sie eine Ausgleichsabgabe zahlen, mit der wiederum Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung geschaffen und unterstützt werden.

Stephanie Hülden: Und wie hoch ist die Abgabe?
Das hängt davon ab, wie viele Menschen mit Behinderung sie beschäftigen. Wenn es zwischen drei und fünf Prozent sind, müssen sie in der Regel je unbesetzten Arbeitsplatz 115 Euro zahlen und wenn Sie unter diesem Anteil  liegen, also bei weniger als zwei Prozent, dann müssen sie 290 Euro zahlen.

Stephanie Hülden: Ist das monatlich?
Ja, das ist monatlich. Etwa 2.700 Betriebe zahlen einen Ausgleich. Dies ergibt Einnahmen von mehr als 12 Millionen Euro im Jahr, die anderen Unternehmen für die Schaffung von Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderungen zur Verfügung stehen. Es müssen also ziemlich viele Unternehmen diese Abgabe zahlen. Das wollen und müssen wir ändern. Es gibt gute Beispiele, dass Beschäftigung  funktioniert, wenn man sich anstrengt. Im Moment gibt es aber noch zu viele Menschen mit Behinderung, die arbeitslos sind – und die ihren Beitrag leisten wollen und können. Viele finden gerade im privaten Bereich keine Beschäftigung. Der öffentliche Dienst ist aktiver. Dort haben wir einen Beschäftigungsschnitt von 6,1 Prozent, im privaten Bereich liegen wir unter vier Prozent Beschäftigungsanteil. Das ist schon ein Unterschied. Da muss sich die Gesellschaft ändern: toleranter sein, sich die Zeit nehmen, sich kümmern und Verantwortung übernehmen.

Nico Monecke: Hätte man auch mal die Möglichkeit, woanders zu arbeiten als in der Behindertenwerkstatt?
Übergänge ins Berufsleben zu schaffen, gehört auch zu den Aufgaben der Werkstätten. Wir haben unabhängig davon gerade ein gemeinsames Projekt mit dem Namen „Inklusive Jobs“ gemeinsam mit dem Unternehmerverband und der Agentur für Arbeit gestartet. Hier  kümmern sich Beraterinnen und Berater darum, dass Menschen mit Behinderung und Arbeitgeber leichter zueinander finden. Beide Seiten sollen sich gegenseitig kennenlernen können. Auf diese Weise lernen sowohl Arbeitgeber als auch  Arbeitnehmer, dass es ein Erfolgsmodell sein kann. Da muss man, glaub ich, einfach gute Erfahrungen miteinander machen. Dabei hilft uns, dass durch den demografischen Wandel immer mehr Unternehmen Personal suchen. Und viele Menschen mit Behinderung sind richtig gut ausgebildet. Trotzdem finden Sie keine Jobs. Es gibt aber auch gute Beispiele. Vor ein paar Monaten habe ich ein Inklusionsprojekt eröffnet, in dem ein professioneller Callcenter ganz bewusst mit Menschen mit Behinderung zusammenarbeitet. Sie werden in diesem Beruf angelernt, ausgebildet und integriert. Sie sehen: Es gibt vorbildliche Modelle. Aber mir persönlich sind das noch zu wenige. Es geht zu langsam, aber es geht wenigstens in die richtige Richtung.

Nico Monecke: Es wäre halt mal mein Traum, beim FC St. Pauli sich als Telefonist hinzusetzen und die Fragen anzunehmen, die da so kommen.
Das finde ich eine super Idee. Nur habe ich keinen Einfluss auf St. Pauli. Ich kann mir aber fast nicht vorstellen, dass der Verein sagt: Nein da geht gar nichts. Vielleicht ist es ja möglich, da mal einen Tag reinzuschnuppern.

Nico Monecke: Tja, für einen Tag wäre das mal schön.
Ich kann Ihre Faszination gut verstehen. Ich habe drei Männer zu Hause. Die würden das sicherlich auch mal gerne machen. Ich finde, es ist ein ganz toller Traum – und der gehört verwirklicht.

Dokumentation: Stefan Beuke

Einige Tage nach dem Interview gab es eine erfreuliche Nachricht für Nico Monecke. Sein Wunsch geht in Erfüllung. Der FC St. Pauli hat zugestimmt, dass er einen Tag hinter den Kulissen des Fußball-Zweitligisten mitmachen darf.
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