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Thema: Leben : So geht leichte Sprache

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Für Menschen mit Behinderungen kann Sprache bereits ein Hindernis auf dem Weg zur Selbstbestimmung sein. Behördenschreiben und Co. sind oftmals zu kompliziert verfasst. Karin Boltendahl rät zur verstärkten Benutzung von leichter Sprache. Im Interview erklärt die Pädagogin wieso.

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2013 | 06:08 Uhr

Frau Boltendahl, warum ist Leichte Sprache so schwer?
Es widerspricht Dingen, die man in der Schule oder auch in der Uni lernt. Viele denken, Texte sollen möglichst kompakt und komplex sein. Oft sind Sätze verschachtelt und voll von Fremdwörtern, weil man das Gefühl hat, man gebe dadurch eine Art von Bildungsgrad wieder. Bei der Leichten Sprache besinnt man sich auf die Kernaussagen zurück. Es ist eine Art, sich besonders verständlich auszudrücken. Sie erleichtert Menschen das Verstehen von Texten.

Worauf ist besonders zu achten?
Inzwischen gibt es einen Kriterienkatalog, der hauptsächlich vom Netzwerk Leichte Sprache erstellt wurde. Einige Grundsätze sind beispielsweise kurze Sätze und viele Hauptsätze zu verwenden. Der Konjunktiv sollte vermieden werden, ebenso Fremdwörter. Wenn man sie benutzt, muss man sie erklären. Gleiches gilt für Abkürzungen, die in der Regel nicht allen Menschen bekannt sind. Das ist allerdings nur eine kleine Auswahl an Kriterien.

In welchen Bereichen ist Leichte Sprache besonders wichtig?
In allen Bereichen, die Selbstbestimmung betreffen. Die Menschen möchten auch ihre Behördengänge selbst regeln, dann kommt aber ein Brief vom Amt – und der ist meist gar nicht verständlich.

Was man selbst aus eigener Erfahrung kennt.
Absolut. Nur ist es für Menschen mit Lern- oder Leseschwierigkeiten noch extremer. Die Menschen sind darauf angewiesen, dass jemand die Schreiben erklärt. Das macht natürlich abhängig. Dabei wäre es wünschenswert, dass die Menschen ihre Sachen selbst regeln könnten. Es geht vor allem um Behördenschreiben, aber auch um Schreiben von Versicherungen, Arztbriefe oder Gesetze. Ich kann mich nur selbst vertreten, wenn ich auch weiß, was meine Rechte sind.

Ist Leichte Sprache in der Gesellschaft angekommen?
Das Thema ist noch nicht so alt. Leichte Sprache ist Ende der 90er Jahre nach Deutschland rübergeschwappt. In den USA setzten sich Eltern und Menschen mit Lernschwierigkeiten schon seit den 70er Jahren für Leichte Sprache ein. In Deutschland gab es von 1997 bis 2001 ein bundesweites Modellprojekt, das sich zum ersten Mal um dieses Thema gedreht hat. Seitdem kann man aber sagen, dass es gerade in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen hat.

Inwiefern?
2009 wurden in einer Petition mehr als 13.500 Unterschriften gesammelt und der Bundesregierung übergeben. Im Oktober 2012 hat der Bundestag endlich entschieden, dass es ein Recht auf Leichte Sprache geben soll. Seit dem ist aber nicht viel offiziell passiert. Was man aber in den letzten Jahren immer mehr beobachtet, ist, dass Verwaltungen und Behörden dieses Thema für sich entdeckt haben.

Wie weit sollte Leichte Sprache reichen? Die Literatur kann ja nicht komplett ersetzt werden oder die Zeitung vollkommen in Leichter Sprache erscheinen.
Das ist eine Frage, an der sich die Geister scheiden. Es sollte auf jeden Fall auch Angebote in Leichter Sprache geben. Am wichtigsten sind die Dinge, bei denen es um Selbstvertretung geht. Es sind nicht nur Menschen mit Lernschwierigkeiten betroffen. Es geht zum Beispiel auch um Menschen mit Migrationshintergrund oder auch Menschen mit Aphasie, also diejenigen, die nach einem Schlaganfall Verständigungsprobleme haben.

Wie hoch ist die Gefahr, in Kindersprache abzurutschen?
Genau das sollte man vermeiden. Man muss sich immer bewusst sein, dass die Menschen erwachsen sind. Sie benötigen nur eine andere Art von Unterstützung, um ihre Selbstbestimmung wahrnehmen zu können. Kindersprache fängt schon da an, dass man duzt. Bei Leichter Sprache bleibt man grundsätzlich beim Sie. Meistens geben die Themen schon vor, dass man nicht in Kindersprache abrutscht. Das Wichtigste ist, dass man die Augenhöhe beibehält.

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