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Thema: Leben : Raus aus dem Abseits

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sprache ist der Schlüssel in die Gesellschaft. Diejenigen, die nicht sprechen können, brauchen Hilfsmittel. Symbolkarten oder auch Sprachcomputer können ihnen helfen, sich besser zu verständigen.

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2013 | 06:06 Uhr

Der Kindersitz im Einkaufswagen lässt sich wunderbar als Abstellfläche für das iPad nutzen. Rüdiger König grinst. Wenn er könnte, würde er wahrscheinlich sagen, dass die vor ihm liegende Aufgabe ihm Spaß bereitet. Zumindest lässt seine Gestik diesen Gedanken vermuten. Aber Rüdiger König kann nicht sprechen. Der 26-Jährige, der in einer der Tagesförderstätten der Glückstädter Werkstätten beschäftigt ist, steht vor einem Supermarkt. Zwei Tafeln Schokolade und sechs Eier soll er kaufen, damit seine Gruppe einen Schokokuchen backen kann. Es klingt leicht, für Rüdiger König ist es aber eine schwierige Aufgabe. Daher lernt er, wie er das iPad für sich als Sprachrohr nutzen kann.

Das Gerät gibt Rüdiger König die Möglichkeit, sich zu äußern. Fünf Symbole sind auf dem Bildschirm zu sehen. „Hallo“, „Wo finde ich“ und „Danke“ ist darauf zu lesen. Zudem „2 Tafeln Schokolade“ und „6 Eier“. Sein Gruppenleiter Björn Rechlin steht Rüdiger König eng zur Seite. Das Ziel ist, dass er irgendwann alleine einkaufen gehen kann.

Viele Menschen mit Behinderung können nicht sprechen. Sich äußern können sie dennoch. Doch dafür brauchen sie Hilfen zur Verständigung, so genannte Unterstützte Kommunikation.

„Sprache ist ein sehr verbindenes Mittel. Wenn die nicht da ist, steht man ganz schön im Abseits“, sagt Hilde Grube. Sie ist Mediatorin für Unterstützte Kommunikation an der Steinburg-Schule, eine Förderschule für geistige Entwicklung. Zusammen mit dem Förderzentrum, der Lebenshilfe Steinburg, dem Verein „Kopf hoch“ und engagierten Eltern sind die Glückstädter Werkstätten dabei, eine Beratungsstelle zur Unterstützten Kommunikation aufzubauen. Die Bedeutung des Themas nimmt weiter zu. In den 90er Jahren ist Bewegung in den Bereich gekommen. „Jetzt ist die Entwicklung durch den technischen Fortschritt rasant“, sagt Björn Rechlin. Daher lässt sich der Mann von den Glückstädter Werkstätten zum Kommunikationspädagogen weiterbilden.

Die nicht oder kaum sprechenden Menschen können sich durch Symbolkarten oder auch durch Sprachcomputer verständigen. Dies muss jedoch erlernt und das geeignete Medium gefunden werden. Sprachcomputer sind äußerst nützlich, aber auch sehr kostenintensiv. Immerhin liegt der Preis zwischen 4.000 und 8.000 Euro. Bis zum 18. Lebensjahr kann man Unterstützung durch die Krankenkasse bekommen. Das iPad, das mittlerweile viele Möglichkeiten zur unterstützten Kommunikation bietet und wesentlich konstengünstiger ist, wird nicht als Hilfsmittel bei den Krankenkassen anerkannt.

Björn Rechlin und Hilde Grube sind sich einig: „Am Anfang bedeutet Unterstützte Kommunikation Zusatzarbeit, dann erleichtert es aber den Alltag.“ Und der Weg zum Schokokuchen wird deutlich einfacher.

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