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Thema: Wohnen : Gemeinsam wohnen – ohne Barrieren

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im „Wohnhaus Kiel“ leben Menschen mit und ohne Behinderung zusammen in einem Haus. Jeder hat seine eigene Wohnung – und doch steht die Gemeinschaft im Vordergrund.

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Stefan Wagners Weg zu mehr Selbstständigkeit führt über die Gemeinschaft. Jahrelang hat der 40 Jahre alte Mann, der in Kiel in der Werkstatt Drachensee im Kunsthandwerk arbeitet, in einer Wohnstätte gewohnt. „Ich wollte immer alleine wohnen“, sagt er. Das kann er jetzt. 50 Quadratmeter ist sein Appartement groß. Er lebt in seiner eigenen Wohnung – und doch nicht allein. Das „Wohnhaus Kiel“ ist ein etwas anderes Wohnprojekt. Senioren und Menschen mit sowie ohne Behinderung leben hier barrierefrei in einem Haus. Jeder für sich und doch gemeinsam. Selbst im Mietvertrag ist das Leitbild festgehalten: Man hilft sich gegenseitig.

Bereits 2006 träumte eine Gruppe Kieler Seniorinnen vom Räucherei-Treff der AWO in Gaarden von einem (bezahlbaren) Hausprojekt in zentraler Lage. Die Idee wurde weiterentwickelt. Die Vorstellung in einer Gemeinschaft mit ganz unterschiedlichen Menschen mit Handycaps zu leben kam hinzu. Es war der Schlüssel zum Erfolg. Das Projekt sollte nicht nur ein Traum bleiben, sondern ein reales Projekt werden – mit der gemeinnützigen La-Vida-Stiftung als Geldgeberin und Vermieterin (insgesamt vier Millionen Euro wurden investiert) und der Stiftung Drachensee als Betreiberin. Auch das Land Schleswig-Holstein bezuschusste das Projekt. Im Dezember 2001 konnten die ersten Mieter einziehen. Thomas Wagner war von Anfang an dabei. Ebenso Silke Haß und Frauke Blunck.

„Wer körperlich beeinträchtigt ist, schwimmt nicht im Geld. Eine barrierefreie Wohnung für 400 bis 500 Euro – das finden Sie in Kiel so gut wie nie“, sagt Frauke Blunck. Die 57-Jährige hat Schwierigkeiten beim Laufen. Vor ihrem Einzug in das Wohnhaus in der Harmsstraße 66 lebte sie in einem sozial schwachen Teil der Landeshauptstadt in einem achtstöckigen Wohnhaus. „Das Umfeld war eine Katastrophe, am Wochenende haben die Wände von der lauten Musik gezittert.“ Sie gehörte zu der Gruppe vom Räucherei-Treff. Sie sagt: „Es gibt kaum ein Tag, an dem ich nicht denke: ,Was hatte ich für ein Schwein‘“.

Die Wohnungen sind nicht sehr groß. Es sind Einzelappartements. Im Normalfall 50 Quadratmeter. „Was wirklich toll ist, ist die Hausgemeinschaft“, sagt Silke Haß. Und Frauke Blunck ergänzt: „Wichtig ist der Gemeinschaftsraum. Der schweißt den Laden zusammen.“ Dort wird manchmal gekocht, oft zusammen Kaffee getrunken, gespielt oder einfach nur geschnackt.

Stefan Wagner ist ein zurückhaltender Mensch. Doch bei der Erinnerung an das letzte Weihnachtsfest kommt Leben in seinen Körper. Mit leuchtenden Augen erzählt er, wie beim Weihnachtsfrühstück etwa 40 Personen in dem vollkommen überfüllten Gemeinschaftsraum zusammen saßen. Und auch der Abend wurde von einigen Mietern gemeinsam verbracht. Erst hatten sich drei Personen verabredet, am Ende waren es zwölf. Das Miteinander war die reine Freude, die Stimmung außergewöhnlich.

Die neue Behausung ist barrierefrei, zentral in der Innenstadt gelegen und mit direkter Busanbindung. Es handelt sich um sozial geförderten Wohnraum. 29 Wohneinheiten sind in dem Haus entstanden, davon 24 öffentlich geförderte und fünf freifinanzierte. Eine Wohnung wird von der Stiftung Drachensee genutzt. Dazu kommen Büroräume für die Ambulanten Dienste. 13 Menschen mit Behinderung leben im Haus – und 15 Senioren. 13 Damen und zwei Männer.

Doch was bedeutet überhaupt „Menschen mit Behinderung“? „Es ist doch manchmal eine fließende Grenze“, sagt Silke Haß. Sie selbst hat Multiple Sklerose. Die 52-Jährige arbeitet als Marketing Managerin („Man könnte auch einfach Sachbearbeiterin sagen.“) auf der Werft bei ThyssenKrupp Marine Systems, daher kann sie sich eine der frei finanzierten Wohnungen leisten. Sie ist auf einen Rollstuhl oder im Freien auf ein E-Mobil angewiesen. „Gelte ich auch als behindert?“ Frauke Blunck: „Ein Merkmal bei uns ist, dass diese Frage einfach nicht interessiert.“

Alle drei Mieter benutzen häufiger das Wort „Glück“, wenn sie über ihre Wohnform sprechen. Drei lächelnde Gesichter unterstreichen die Aussage. „Ich habe das Gefühl, hier bin ich endlich angekommen“, sagt Silke Haß. Zehn Jahre lang war sie auf Wohnungssuche. Eine barrierefreie Wohnung auf dem freien Wohnungsmarkt zu finden, sei „fast utopisch“. Sie lebte zuvor in einer ebenerdigen Wohnung. Allerdings waren im Eingangsbereich einige Treppenstufen zu überwinden, auch in die Dusche kam sie schlecht rein. Die letzten Jahre benötigte sie einen Pflegedienst. Den kann sie sich nun sparen.

Die Türen im gesamten Haus sind breit genug, um problemlos mit einem Rollstuhl unterwegs zu sein. In ihrer Wohnung sind Schlüsselloch und Spion weiter nach unten gesetzt. Spülbecken und Kochfeld lassen sich leicht rauf und runter fahren. Die Mieter waren so gut es ging an der Planung der Wohnungen beteiligt. So hat Silke Haß beispielsweise eine Schiebetür zwischen Schlaf- und Badezimmer. „Für den Fall, dass ich später Pflege brauche“, sagt sie und fügt einen Satz an, der ihr wichtig ist: „Wir haben einen sehr sozial eingestellten Vermieter, der immer ein offenes Wort hat.“

Nicht immer herrscht im Haus „nur Friede, Freude, Eierkuchen“, wie Thomas Ring erzählt. Er ist bei der Stiftung Drachensee der Bereichsleiter Ambulante Dienste. Das Haus in der Harmsstraße ist keine reine Insel der Glückseligkeit. Wie immer, wenn Menschen zusammen leben, gibt es auch Konfliktpotenzial. Aber eines zeichnet die Mieter aus: Es ist mehr als bloße Nachbarschaft.

Um Konflikte zu lösen und den Menschen die Unterstützung zu geben, die jeder individuell benötigt, gibt es „zwei Airbags“, wie Ring augenzwinkernd erklärt: Das soziale Hausmanagement und die Wohnunterstützung. Das soziale Hausmanagement kümmert sich um alle Mieter, organisiert gemeinsame Veranstaltungen und Ausflüge. Das unterstützte Wohnen kümmert sich vor allem um die Menschen mit Behinderung. Zum Beispiel beim Schriftverkehr mit Ämtern. Am Anfang ging es aber auch um ganz banale Alltagssachen, beispielsweise wie man eine Waschmaschine anstellt. Die Grundidee des Wohnprojektes ist es, sowohl die Einzelförderung als auch die Gemeinschaft zu fördern. Frauke Blunck: „Von diesen Projekten sollte es mehr geben – viel mehr.“ Stefan Wagner nickt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

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