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Thema: Leben : Eltern sein – schön und schwierig

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es ist ein sensibles Thema: der Kinderwunsch von Menschen mit Behinderung. Sie sollen selbst entscheiden, wie sie leben wollen – über allem steht aber das Wohl des Kindes. Ein Beispiel dafür, wie es gut laufen kann, ist Birgit Rosenberger mit ihrem Sohn Jan.

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erstellt am 03.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Birgit Rosenbergers Sorge kontert ihr Sohn Jan mit 29 von 31 Punkten. Das Fach Deutsch, so die 35-jährige Frau aus Kiel, sei in der Schule die Schwachstelle ihres Kindes. Doch der Achtjährige zeigt im Grammatiktest eine gute Leistung. Zu ihrer Zufriedenheit. Denn Birgit Rosenberger macht sich viele Gedanken, ob sie in der Erziehung alles richtig macht.

Nach einer Schätzung des Vereins „Bundesverband behinderter und chronisch kranker Eltern“ leben in Deutschland etwa 390.000 Eltern mit Behinderung, die Kinder unter 14 Jahren haben. „Es ist noch ein Tabu-Thema, dass Menschen mit Behinderung Partnerschaften leben und dass daraus Kinder entstehen“, sagt Vorstandsmitglied Kerstin Weiß.

Birgit Rosenberger arbeitet bei der Stiftung Drachensee – eine der größten Institutionen für Menschen mit Behinderungen in Schleswig-Holstein – als Reinigungskraft. In der Woche von 9 bis 13 Uhr. Sie mag ihren Job, es ist ein geschützter Raum für sie. „Der Arbeitsdruck draußen ist sicher höher als bei uns“, sagt sie. Mit „draußen“ meint sie den freien Arbeitsmarkt. Ein Bereich, in dem sie Probleme hätte. Ihren Alltag – und auch ihre Rolle als Mutter – meistert sie hingegen sehr selbstständig. Einmal die Woche bekommt sie Besuch von ihrer Betreuerin vom Ambulanten Betreuten Wohnen. Dann geht es um die Organisation von Finanzen, Behörden-Angelegenheiten oder auch einfach darum, in Ruhe über Gott und die Welt zu sprechen – und über Jan und dessen Entwicklung.

Nach Ansicht von Familienberaterin Ulrike Tofaute von der Lebenshilfe Schleswig-Holstein geht es nicht darum, Menschen mit Behinderung zum Kinderkriegen zu ermutigen. „Es geht darum, sich mit dem Thema ernsthaft auseinanderzusetzen.“ Wenn darüber gesprochen werde, dann nach Ansicht der Expertin ausschließlich negativ. Eines ist Ulrike Tofaute besonders wichtig: „Wir legen sehr viel Wert auf Selbstbestimmung. Wir wollen die Art der Lebensweise fördern, die die Menschen gerne gehen wollen. Das ist natürlich im Einzelfall schwierig. Aber per se die Tür zuzuschlagen – das ist nicht unser Ding.“ Allerdings stehe eine Prämisse über allem: „Es muss immer um das Wohl des Kinds gehen. Das steht immer höher als die Selbstbestimmung der Eltern.“

Jan ist ein äußerst lebendiges Kind. Wie viele Jungen in seinem Alter spielt er gerne Fußball. Sport mag er in der Schule besonders gerne, auch Mathe. Deutsch gehört nicht zu seinen Favoriten. Alle zwei Wochen ist er bei seinem Vater. Seine ersten dreieinhalb Lebensjahre konnte Jan gar nicht sprechen, er litt an einer Hörverarbeitungsstörung. Nun geht Jan auf eine Regelschule, bekommt aber drei mal die Woche Sprachtherapie.

Schon zu Beginn ihrer Schwangerschaft holte Birgit Rosenberger sich Rat bei der Erziehungsberatungsstelle in Kiel. Die 35-Jährige nimmt noch heute gerne Hilfe von Beratungsstellen an. „Ich wollte nicht, dass Jan so eine Kindheit hat wie ich“, sagt sie. „Das hat auch gut geklappt.“ Noch heute, so berichtet sie, fühlt sie sich als Mensch nicht immer geschätzt. In diesem Moment krabbelt Jan zu seiner Mutter auf den Sessel. „Ich habe dich aber lieb“, sagt er und grinst. Die Beiden genießen die Zeit miteinander, sie sind viel unterwegs oder spielen Schach oder Rummikub.

Im Vergleich zu vielen anderen Eltern, die geistige Einschränkungen haben, ist die Kielerin sehr fit. „Wenn die Art der Unterstützung nicht reicht, muss nach anderen Wegen geguckt werden“, erklärt Familienberaterin Tofaute. Das heißt: Viele Eltern müssen ihre Kinder in Pflegefamilien geben, da sie mit der Erziehung überfordert sind. Tofaute ergänzt: „Wie im normalen Leben. Ich sage ja auch nicht zu sozial schwachen Eltern: ,Ihr dürft keine Kinder bekommen‘.“ Es ist ein hoch sensibles Thema.

Birgit Rosenberger kennt einige andere Mütter, deren Kinder in Pflegefamilien leben. „Ich bin froh“, sagt sie, „dass bei mir alles klappt und ich Jan behalten durfte“.

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