zur Navigation springen

Thema: Leben : Eine Band, die über Grenzen geht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„Vacuum“ ist eine besondere Gruppe. Aus musikalischer Sicht, aber auch wegen der Zusammensetzung aus behinderten und nicht behinderten Menschen. Seit 1998 stehen sie mehrmals im Jahr auf der Bühne.

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Ein E-Gitarren-Solo jagt durch einen Kellerflur im Eckernförder Gewerbegebiet, angepeitscht durch Schlagzeug-Beats und Bongodrums. Markus Blaschke umklammert das Mikrofon, die Augen fest geschlossen lauscht er seinem Einsatz entgegen. Das einzig ungewöhnliche an dieser Bandprobe ist die Uhrzeit. „Vacuum“, die Kombo der Eckernförder Werkstatt, trifft jeden Freitagmorgen um 8 Uhr zusammen.

Bereits nach den ersten beiden gesungenen Takten pulst Markus Blaschkes Halsschlagader, die Augen hält er noch immer geschlossen, auf seiner Brust prangt ein „Cannibal Corpse“-Logo, blutrot auf schwarz. Nicht alle seiner Bandkollegen mögen es so laut wie er. Taktgeber Wilke Wits hält sich eher im Hintergrund, und über Drummer und Sänger Timo René André wird gern gefrotzelt: „Der rennt ja eh nur mit Kopfhörern durch die Gegend. Immer schön Lotto King Karl auf den Ohren – sonst nix.“ Gitarrist Lars Eckhoff lässt sich bei seinen Songs dagegen durchaus mal von Jazzmusik inspirieren, wie er sagt.

Entsprechend bunt ist die musikalische Palette, mit der die Band seit 1998 bis zu zehn Mal im Jahr auf der Bühne steht. Rasch haben die Jungs von „Vacuum“ Abstand von Cover-Nummern genommen, längst bringen sie nur noch eigene Stücke. Bei deren Entstehung versteht sich Musikpädagoge Hannes Michelsen als „Strukturgeber“, er greift Ideen auf und gießt sie in eine Form. „Ich sorge dafür, dass aus einer Textzeile ein Text, aus einer Idee ein Song wird“, beschreibt Michelsen seine Rolle. Außerdem ist er bei „Vacuum“ für die gute Laune zuständig.

„Wir sind halt alle ein bisschen bekloppt“, pflegt er zu sagen. Nach 14 gemeinsamen Jahren mit den vier festen Bandmitgliedern und wechselnden Gastmusikern und -Sängern aus der Werkstatt muss er es ja wissen. Heute umfasst das Repertoire der Band mehr als 20 Stücke und füllt problemlos über zwei Stunden Programm – plus Zugaben.

Über zu wenig Engagements können sich die Jungs eigentlich nicht beklagen – aber sie wünschen sich endlich einmal einen „ganz normalen“ Auftritt, wie sie sagen, eine Bühne in der Mitte der Gesellschaft. „Sobald Inklusion draufsteht, ist es eine Ghetto-Veranstaltung“, sagt Hannes Michelsen, „der Durchschnitts-Schleswig-Holsteiner läuft da einfach nicht rum.“ Er wünscht sich einen Gig auf einem Stadtfest, „ die Leute sollen uns einfach nur zuhören, und vielleicht denken die dann: ,So scheiße klingt das ja gar nicht!‘“ Um Michelsen herum nickende Köpfe.

Nach einer kurzen Probenpause steht Lars Eckhoff am Mikrofon. Er nuschelt ein Song-Intro im Grönemeyer-Style, wortreich und schnell. Zum Refrain hin geht es wieder härter zur Sache: „Ich wär‘ so gern ein Mann aus Stahl, dann wär mir alles so scheißegal!“ Später wird Hannes Michelsen ihn loben: „Lars spielt ziemlich geil Klampfe – er kann zwar nicht so gut lesen, aber er spricht Texte ad hoc ins Mikro. Das kann der Rest von uns nicht.“ Bei Jam-Sessions lässt der Gitarrist gern seinen Frust raus – auf diese Art entstand beispielsweise das Stück „Grillanzünder“ voll schräger Beobachtungen aus dem Werkstatt-Leben. Aber Lars Eckhoff hat nicht nur einen besonderen Blick auf Alltagssituationen, er hat auch einen Traum: „Irgendwann mit Mucke Geld verdienen“. Das wollen seine Band- Kollegen auch. Doch eins nach dem anderen: Im Augenblick entsteht das erste Musikvideo und die erste eigene CD der Band.

Nach einer guten Stunde Probenzeit fallen Drumstick und Plektrum plötzlich zu Boden. Pausen werden in der Eckernförder Werkstatt großgeschrieben, sie strukturieren den Tag – um Punkt 9.15 Uhr heißt es deshalb auch für „Vacuum“: „Jetzt ist Kaffee-Zeit!“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen