Inklusion : Echte Liebe für den FC St. Pauli

„Boller ist ein großer Spieler“: Nico Monecke mit einem seiner Idole, St.-Pauli-Kapitän Fabian Boll.
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„Boller ist ein großer Spieler“: Nico Monecke mit einem seiner Idole, St.-Pauli-Kapitän Fabian Boll.

Sein Herz schlägt für den Kiez-Club: Der Mehrfachbehinderte Nico Monecke durfte gegen den FC Ingolstadt einen Tag hinter die Kulissen des Zweitligisten schauen. Mit dabei: Eine Bewerbung als Mitarbeiter in der Geschäftsstelle.

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24. März 2014, 07:27 Uhr

Hamburg | Gerade einmal eine Viertelstunde ist Nico Monecke in den Innenräumen des FC St. Pauli am Millerntor, da kann er sein Glück kaum fassen. Zur Begrüßung hat er ein T-Shirt mit einem Autogramm von Kapitän Fabian Boll bekommen. Wenige Minuten später steht der derzeit verletzte Kapitän vor ihm. Als sich Boll zu Nico Monecke runterlehnt, verliert der Mann im Rollstuhl kurzfristig die Sprache. Doch nur Augenblicke später schießt es aus ihm heraus: „Spielst du denn noch einmal, bevor du zum Saisonende abtrittst?“ Manchmal sei nicht alles planbar, antwortet Boll. „Aber ich hoffe das stark und arbeite jeden Tag hart dafür.“ Nico Monecke strahlt. „Ich wünsche dir auf jeden Fall alles Gute.“

Nico Monecke ist mehrfach körperbehindert und kognitiv eingeschränkt. Im vergangenen Jahr hatte er an einer Inklusions-Beilage, die unsere Zeitung zum internationalen Tag der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember veröffentlicht hat, mitgearbeitet. In einem Interview mit Schleswig-Holsteins Sozialministerin Kristin Alheit hatte er die Frage gestellt, ob es möglich sei, mal einen Tag außerhalb der Behindertenwerkstatt zu arbeiten. Zum Beispiel auf der Geschäftsstelle des Fußballclubs FC St. Pauli. Seinem Lieblingsverein. Nico Moneckes Wunsch wurde übertroffen. Er durfte sogar an einem Spieltag hinter die Kulissen des Zweitligisten schauen. Am Sonnabend gegen den FC Ingolstadt war es soweit.

Das Herz des 37-Jährigen, der in der Telefonzentrale des Lebenshilfewerks Pinneberg arbeitet und bei der Lebenshilfe in Schenefeld wohnt, schlägt schon lange für den FC St. Pauli. Wie lange, das weiß er gar nicht mehr genau. Es ist unwichtig. Wichtig ist nur, dass es so ist. Seit 2010 ist er Mitglied im Verein. Stolz präsentiert er den Ausweis. An diesem Tag hat er ein anderes wichtiges Schriftstück dabei. Eine Bewerbung als Mitarbeiter für die Geschäftsstelle.

Er war schon häufiger im Stadion, so nah am Geschehen war Nico Monecke aber noch nie. Es ist ihm anzumerken, dass er jede einzelne Sekunde genießt. Für den großen Tag hat er sich adäquat gekleidet. Er trägt eine St.-Pauli-Jacke und natürlich den passenden Schal. An seinem Rollstuhl ist eine Pauli-Fahne befestigt. Generell ist der Rollstuhl mit Aufklebern seines Vereins übersät. Aber auch andere Clubs finden sich dort wieder. Hannover 96, Borussia Dortmund, selbst der Hamburger SV. Man sei ja tolerant. Der HSV-Aufkleber fällt Fabian Boll als erstes ins Auge. „Was muss ich denn da Böses sehen?“, fragt das Pauli-Urgestein mit einem Augenzwinkern. Dass er der einzige Spieler ist, dessen Konterfei auf dem Rollstuhl mit einem Aufkleber bedacht ist, übersieht er in dem Moment. „,Boller’ ist ein großer Spieler“, sagt Nico Monecke. „Einer der Wenigen von früher, die alles mitgemacht haben. Aufstieg, Abstieg. Ich hoffe wirklich, dass er noch mal spielen kann. Und wenn es nur für eine Viertelstunde ist.“ Manchmal dauert es etwas, bis er die Sätze zu Ende formuliert hat.

Bevor das Spiel beginnt, darf Nico Monecke einen Blick in die Katakomben werfen. 80 Minuten vor dem Spiel dröhnt aus der Spielerkabine Rap-Musik. Wenig später trifft der Pauli-Fan an einem Aufzug den Präsidenten des Vereins, Stefan Orth. Es folgt ein kurzes Fachgespräch. „Das hat was“, sagt Nico Monecke. Und strahlt wieder.

Als die Mannschaften einlaufen und der Klassiker „Hells Bells“ von AC/DC erklingt, bekommt der 37-Jährige Gänsehaut. Die Härchen auf den Armen stellen sich auf. Es ist jedes Mal so, wenn er das Lied hört. Mit seinem Rollstuhl steht er direkt unter der Haupttribüne. Nur wenige Meter vom Spielfeld entfernt. Insgesamt gibt es derzeit 66 Plätze für Rollstuhlfahrer. Am Ende des Stadionausbaus werden es 90 sein. Bei einem Fassungsvermögen von 30.000 Menschen. Im Vergleich: Der HSV hat 95 Plätze bei einer Stadiongröße von 57.000 Zuschauern. Im Dortmunder Stadion, mit etwa 80.000 Zuschauern das größte der Liga, finden nach Angaben einer bundesweiten Arbeitsgemeinschaft für Fans mit Behinderungen 72 Rollstuhlfahrer einen Platz.

Nico Monecke ist mit vollem Einsatz dabei. Schon vor dem Anpfiff ist der Rücken seiner linken Hand, die er im Alltag wegen seiner Behinderung nicht nutzen kann, vom vielen Applaudieren rot gefärbt. Er ist frohen Mutes. Doch die Stimmung ändert sich, als er merkt, dass seine Mannschaft keinen guten Tag erwischt hat. Er brüllt Kommandos als stünde er selbst auf dem Platz. „Fuß davor. Mach die Seite zu. Mensch, spiel’ in den Fuß. Und weiter geht das, hopp hopp.“ Nach 70 Minuten sagt er: „Das ist aber eine harte Kost heute.“ Ein wenig später mit Flehen in der Stimme: „Ein einziges Ding würde doch reichen.“ Zwei Minuten vor dem Ende hilft nach Nico Moneckes Meinung nur noch eines: „Holt die Brechstange raus!“ Doch seine Mannschaft erfüllt ihm den Gefallen nicht. Es bleibt beim 0:0.

Nach der Pressekonferenz, die er miterleben darf, bestätigt er die Analyse des Trainers Roland Vrabec. Es war ein glücklicher Punkt. Aber Nico Monecke ist gnädig: „Jeder kann mal einen schlechten Tag haben.“ Er verstehe nur nicht, warum sich die Mannschaft immer zu Hause so schwer tue. „Das hätte ich den ,Boller’ noch mal fragen sollen.“ Bei dem Gedanken an das Gespräch mit dem Pauli-Idol ist ein zufriedenes Lächeln in sein Gesicht zurückgekehrt. Das schwache Spiel ist vergessen.

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