zur Navigation springen

Thema: Arbeit : Die Zukunft der Rentner

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer mehr Menschen mit geistiger Behinderung erreichen das Rentenalter. Dadurch entstehen neue Anforderungen in Pflege und Betreuung.

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2013 | 06:17 Uhr

Die Erklärung ist so einfach wie schlüssig. „Weil ich mich hier wohlfühle“, sagt Heidi Arndt. Sie richtet sich in ihrem Rollstuhl auf, rollt ein kleines Stück nach vorn und schaut mit ihren blauen Augen, die leicht in verschiedene Richtungen blicken, zufrieden in die Runde. Heidi Arndt ist 64 Jahre alt. Seit etwa 30 Jahren lebt sie auf dem Erlenhof, einer Wohn- und Werkstätte für behinderte Menschen in Aukrug-Innien (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Es ist fast ihr halbes Leben. Dass sie noch immer dort sein kann, bedeutet für sie großes Glück – eben weil sie sich so wohlfühlt.

Immer mehr Menschen mit Behinderung gehen in den Ruhestand. Es ist eine gesellschaftliche Herausforderung. Der Bedarf an pädagogischer, medizinischer und pflegerischer Betreuung wächst. In vielen Einrichtungen waren alle Bewohner tagsüber in Werkstätten und nur von abends bis frühmorgens und am Wochenende in den Wohnbereichen. Das hat sich geändert.

„Weil ich mich hier wohlfühle“ – im Grunde genommen fasst die Rentnerin mit einem Satz pointiert eine komplexe Thematik zusammen. Bewusst ist es ihr in diesem Moment nicht wirklich. Behinderte Rentner sollen selbst entscheiden, wie und wo sie ihren Lebensalltag verbringen wollen. Für die 64-Jährige ist es der Erlenhof.

Heidi Arndt ist so etwas wie eine Pionierin. Jahrelang arbeitete sie in der Montagegruppe. Oder wie sie sagt: „Kugelschreiber habe ich gemacht. Und Pflaster.“ Gerne hätte sie noch weitergearbeitet, doch eine Hüftoperation zwang sie vor sechs Jahren zum Ende des aktiven Berufslebens. Stattdessen erhöhte sich ihr Pflegebedarf. Sie hatte Glück, dass sie in der neu gebauten Pflegeeinrichtung für Rentner auf dem Erlenhof einziehen konnte. Heidi Arndt gehört damit zu den Erstbeziehern. Im Februar 2007 war das.

Den Verantwortlichen des Erlenhofs war schon früh bewusst, dass neue Herausforderungen auf sie zukommen werden. 40 Plätze stehen nun in der Seniorenpflege zur Verfügung. Am Anfang waren nur einige besetzt – heute sind es alle. „Im Vergleich zu anderen Einrichtungen haben wir aufgrund unserer Historie einen hohen Altersdurchschnitt gehabt“, sagt Einrichtungsleiter Volker Zimmermann. Es sei schon 15 bis 20 Jahre her, dass die ersten Beschäftigten ins Rentenalter gekommen sind. „Seitdem mussten wir uns Gedanken machen.“ Eins ist und war Zimmermann und seinen Mitarbeitern wichtig: „Wir haben immer unseren Bewohnern und Beschäftigten gesagt, ihr könnt hier alt werden und auch sterben.“ Seit etwa zehn Jahren sei ein wesentlich stärkerer Pflegebedarf festzustellen – das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg. Seine Frau Annette, Leiterin der Seniorenwohnanlage, gibt zu bedenken: „Ich glaube, der Bedarf ist insgesamt viel größer als wir es wissen.“

Die Entwicklung fordert Lösungen. Im Erlenhof setzen die Verantwortlichen auf Vielfältigkeit. Es bestehen vier ambulante Mietverhältnisse, in denen die Menschen in eigenen Wohnungen weiter unterstützt und begleitet werden. 14 Rentner leben in Wohnstätten. Die Wohnanlage für Seniorenpflege und -betreuung hält jene 40 Plätze bereit.

In der Pflegeeinrichtung auf dem Erlenhof leben nicht nur behinderte Senioren. Was erst aus einer Notsituation entstanden ist, kann jetzt durchaus als Erfolgsmodell betrachtet werden. Weil die letzte Pflegeeinrichtung für Senioren in Aukrug schließen musste, nehmen zehn Plätze in der Pflege-Einrichtung nicht-behinderte Menschen ein. „Das offene Haus bewerten wir sehr positiv“, sagt Annette Zimmermann. „Wir haben durch die Aukruger mehr Angehörige ins Haus bekommen. Dadurch ist eine offene Runde entstanden, die sehr hilfreich ist.“

Die Zahl der Schwerbehinderten im Alter von 65 und mehr Jahren lag Ende 2011 bei der letzten offiziellen Angabe des Statistikamtes Nord in Schleswig-Holstein bei etwa 140.000. Zehn Jahre vorher waren es noch gut 30.000 Menschen weniger.

Doch nicht überall verläuft die Versorgung der Rentner positiv. „Die Altershilfe hat blinde Flecken“, sagt Professor Dr. Rainer Fretschner, Professor für Soziale Arbeit mit alten Menschen an der Fachhochschule Kiel. Der Grund sei ein zu „versäultes System“. Pflege in Einrichtungen der Behindertenhilfe regelt das Sozialgesetzbuch (SGB) 11, die Altenhilfe das SGB 12. „Wir brauchen ein stärker vernetztes Angebot zwischen Altenhilfe und Eingliederungshilfe, die aufhört, sobald die Beschäftigten die Werkstätten verlassen. Es gibt Einrichtungen, in denen das funktioniert, aber die darf man nicht als Maßstab nehmen. Das sind gute Ausnahmen.“

Für Heidi Arndt ist der Erlenhof keine Ausnahme. Er ist schlicht ihre Lebenswelt, ihre Realität, ihr Alltag. Allerdings hat sich eben jener Alltag in den vergangenen Jahren geändert. So wie bei allen Rentnern mit Behinderung. Ein Schlagwort heißt nun tagesstrukturierende Seniorenbetreuung. Es ist ein sperriger Begriff, der durchaus mit lebhaftem Inhalt gefüllt ist. Zum Beispiel beim Pezziball-Trommeln, Rätselraten, in Gesprächsrunden, bei gemeinsamen Café-Besuchen oder Vorlesestunden.

Dass viele Aktionen und der Großteil des Tages in der Gemeinschaft stattfinden, ist kein Zufall. Das Leben ist stark auf soziales Miteinander ausgelegt. Die größte Gefahr sei es, zu vereinsamen, erklärt Volker Zimmermann. Viele der älteren Bewohner haben, wenn überhaupt, nur noch wenige Familienmitglieder. Die Eltern sind meistens verstorben, eigene Kinder haben sie nicht. Oftmals sind höchstens noch Geschwister da – die ebenfalls betagt sind. „Für viele unserer Bewohner sind die Kollegen Familienersatz“, erläutert Annette Zimmermann. „Daher versuchen wir immer, die Verknüpfung der Lebensgemeinschaften hinzubekommen. Der Kontakt zu den jüngeren Kollegen soll möglichst bestehen bleiben.“ Im Fall von Heidi Arndt klappt das ganz ausgezeichnet. Ihre Freundin arbeitet in der Werkstatt. „Wir sind seit 29 Jahren zusammen“, sagt sie. In ihrem Blick könnte nicht mehr Stolz liegen.

Nicht viel weniger stolz ist sie auf eine besondere Fähigkeit. Nie vergisst sie einen Geburtstag. Von den Mitarbeitern, aber auch von den Mitbewohnern in ihrer Gruppe. Ohne Kalender. Sie hat sie alle im Kopf. Als Vorsitzende des Bewohnerbeirats besorgt sie dann Blumen. Genauso, wenn jemand neu einzieht. Die Gemeinschaft liegt ihr am Herzen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen