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Inklusion

17. Oktober 2017 | 14:19 Uhr

Thema: Arbeit : Der ruhende Pol

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Aus der betreuten Werkstatt auf den regulären Arbeitsmarkt: Peter Pruschinsky hat diesen ungewöhnlichen Sprung geschafft. Er arbeitet im Team Baucenter in Langballig im Kreis Schleswig-Flensburg.

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2013 | 06:20 Uhr

Die Regale reichen fast bis unter die sieben Meter hohe Decke. 850 Artikel hält das Lager parat. Peter Pruschinsky kennt sie alle – „was gut läuft jedenfalls“. Er weiß, wo Blumenerde und Regenrohre, Dachpfannen und Dämmplatten zu finden sind. Nur mit den Holzsorten steht er auf Kriegsfuß. „Das sind so viele. Die kann ich manchmal nicht auseinanderhalten.“ Reibungslos klappt dafür der Umgang mit den Kunden: „Die meisten sind nett.“ Und wenn nicht? „Dann hab ich so eine Art“, sagt Pruschinsky bedächtig, lächelt und zeigt auf seine Ohren, „das geht bei mir hier rein und da wieder raus.“

Seit Mai arbeitet der 28-Jährige im Team Baucenter in Langballig im Kreis Schleswig-Flensburg. Das Lager ist sein Reich, die Warenannahme und -ausgabe seine Aufgabe. Davor war er fünf Jahre bei den Mürwiker Werkstätten in Flensburg beschäftigt, zuletzt in der Schlosserei. Pruschinsky ist ein freundlicher Mann, der offen lächelt und gründlich überlegt, bevor er etwas sagt. Einer Fremden gegenüber zumindest. Und er ist eine Rarität: Nur wenige Menschen mit einer geistigen Einschränkung schaffen den Sprung aus der betreuten Werkstatt auf den regulären Arbeitsmarkt: Von den aktuell 10 719, die in den Betrieben der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen in Schleswig-Holstein beschäftigt sind, werden weniger als ein Prozent pro Jahr in den allgemeinen Arbeitsmarkt aufgenommen.

Zwei mehrmonatige Praktika seit 2011 waren Pruschinskys Arbeitsvertrag vorausgegangen. Vermittelt hatte sie Norbert Möller, sein Betreuer für berufliche Integration bei den Mürwiker Werkstätten. Die Einrichtung hatte dem Baumarkt schon zuvor Mitarbeiter geschickt. Doch „keiner überzeugte so wie Peter“, sagt Marktleiter Reinhard Hinrichsen. Nach sechs Wochen hatte er sich eingearbeitet, wuppte den Lagerbetrieb zeitweilig in Eigenregie. Bei der Integration ins Team – 13 Kollegen inklusive Teilzeitkräften arbeiten in dem Baumarkt, einige schon seit Jahrzehnten – habe es auch Konflikte gegeben. In sich gekehrt, verunsichert sei Peter anfangs gewesen. „Aber wir haben ihn immer mehr mit einbezogen“, sagt Hinrichsen. „Peter ist unser Peter. Wir nehmen ihn nicht als Behinderten wahr.“

Pruschinsky sich selbst auch nicht. Er lebt allein in seiner Ein-Zimmer-Wohnung in Flensburg. Er hält engen Kontakt zu seiner Familie, seinen beiden Schwestern. Und er hat Ziele, für die er arbeitet. Mit großer Beharrlichkeit. Eines hat er mit dem Job erreicht – denn er wollte raus aus der Werkstatt. „Ich habe mich unterfordert gefühlt. Die Arbeit war immer die gleiche, immer Kontrolle. Hier ist nicht jeder Tag wie der andere.“ Abwechslung ist ihm wichtig. Geld aber auch. „Vorher habe ich zu wenig verdient. Damit konnte ich meine Träume nicht verwirklichen.“ Den vom Führerschein zum Beispiel. Am 24. April 2012 hat er die Prüfung bestanden – „mit Anhänger“. Fahrzeuge faszinieren ihn, erzählt er, immer schon. „Mein Vater ist Fernfahrer, daher kommt das wohl.“ Der Traum von einem eigenen Fahrzeug – auch er ist inzwischen wahr geworden: Zusammen mit seiner Mutter hat Peter Pruschinsky sich ein Auto gekauft. Einen Golf. Hellblau.

Für Integrationsbegleiter Norbert Möller sind Führerschein und Autokauf Belege für das „neue Selbstbewusstsein“, das Peter durch den Job entwickelt habe. „Vorher hätte er sich so etwas gar nicht zugetraut.“ Und Reinhard Hinrichsen ist begeistert über die „sagenhafte Entwicklung“, die sein Mitarbeiter in den vergangenen zwei Jahren genommen hat. „Er brauchte Förderung und Bestätigung – und ist dann richtig aufgeblüht, als er sie bekommen hat.“ Nicht ratz-fatz, sondern eins nach dem anderen, in seinem eigenen Tempo: So beschreibt der Chef Pruschinskys Arbeitsstil. Natürlich hätte er – anstatt ihn fest anzuheuern – wieder „jemanden von den Mürwikern mieten“ können. Oder einen Jobsuchenden anstellen, den ihm das Arbeitsamt vermittelt. „Aber warum? Wenn ich Peter was sage, weiß ich, dass es ordentlich erledigt wird. Und die Kunden mögen ihn. Peter ist unser Ruhepol im Lager.“

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