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Thema: Leben : Auf dem Weg zur Barrierefreiheit

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In Eckernförde wird Wert auf die Belange von Menschen mit Behinderung gelegt. Doch an manchen Stellen hapert es auch dort noch.

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2013 | 06:00 Uhr

„Hier wird es haarig“, sagt Klaus-Dieter Rediske. Der 50-Jährige steht am nördlichen Ende der Frau-Clara-Straße in der Innenstadt von Eckernförde. Den Hafen rund 20 Meter vor sich. Fahrradständer und Blumenkästen verschwimmen; Brücke, Wasser und Schiffe – ein diffuses Einerlei aus Farben. Die Mittagssonne steht am Himmel, löst die Konturen auf in Rediskes Blickfeld. „Wo ist die Brücke?“ Bis vor einem Jahr gab ihm das Pegelhäuschen Orientierung. „Inzwischen kann ich es nicht mehr erkennen“, sagt der 50-jährige Bankkaufmann. Er leidet unter Retinitis Pigmentosa. Knapp zwei Prozent Sehkraft hat die Augenkrankheit, bei der die Zellen der Netzhaut sukzessive absterben, ihm gelassen. Zu wenig, um den Weg ans Wasser problemlos zu finden. Zumal der auf den ersten Schritten von hüfthohen Metallpollern durchsetzt ist. „Da muss ich mich langsam rantasten.“

Rediske lässt seinen Stock über den Boden gleiten – und wünscht sich einen Blindenleitstreifen, der den Weg weist. Zur Brücke und weiter, am Wasser entlang. Das Pflaster, chinesischer Granit, ist neu, erstreckt sich weit, grau und glatt. Keine Markierung, keine Strukturen. „Stochern im Nebel.“ Gehen nach Gehör. Bettina und Werner Huß dagegen schätzen die Promenade. Sie sitzt im Rollstuhl, er schiebt. „Hier fährt es sich richtig gut“, sagt Werner Huß.

„Gut“ findet auch Anke Braun den Weg, den die Stadt Eckernförde eingeschlagen hat – den Weg in Richtung Barrierefreiheit. Vieles habe sich getan, lobt die Vorsitzende des Beirats für Menschen mit Behinderung. „Die Sensibilität wächst.“ Anke Braun musste sie zwangsläufig entwickeln: Ihr 22-jähriger Sohn ist seit seinem dritten Lebensjahr auf den Rollstuhl angewiesen. Damals sei Barrierefreiheit kein Thema gewesen, heute wird der 2005 berufene Behindertenbeirat bei öffentlichen Bauvorhaben hinzugezogen. Es gibt einen Stadtführer für Menschen mit Behinderung, ein Verzeichnis barrierefreier Unterkünfte, Strandzugänge für Rollis. Ein Verein aus Stuttgart hat dem Ostseebad dafür 2011 die Auszeichnung „Goldener Rollstuhl“ verliehen – in der Kategorie „Barrierefreies Kultur- und Freizeitangebot“.

Rampe und Kante vor der Toilette

Bei der Erfüllung ganz profaner Bedürfnissen hapert es trotzdem noch. Dem nach einer Toilette zum Beispiel. Ein weißer Container am Hafen: Drei Türen, über der rechten ein Rollstuhl-Symbol. Die Rampe davor ist kurz und steil, dahinter blockiert eine Kante die Vorderräder von Bettina Huß’ Rolli. „Allein komme ich hier nicht hoch“, sagt sie. Ihr Mann kippt sie nach hinten, hievt sie mit Schwung in die Kabine. Drinnen verhindert ein Schrank das selbstständige Manövrieren. „Nicht wirklich nutzerfreundlich“, urteilt der 60-Jährige lakonisch. Und hofft auf ein „ordentliches Behinderten-WC“ im Zuge der Bebauung der Hafenspitze. Bis dahin stünden ihnen immerhin die Toiletten der Hafengastronomie zur Verfügung – während der Öffnungszeiten.

Aus einem Dorf im Taunus ist das Ehepaar vor zwei Jahren nach Eckernförde gezogen. Das „platte Land“ kommt ihnen entgegen, die Infrastruktur der kleinen Stadt am Meer stimmt. „Hier können wir alles zu Fuß erledigen“, sagt Bettina Huß, die früher, bevor ihre beiden Söhne kamen, als pflegerische Gymnastiklehrerin im Altenheim gearbeitet hat. Die 51-Jährige hat Multiple Sklerose. Seit neun Jahren bewegt sie sich draußen nur noch im Rollstuhl. Immer in Begleitung ihres Mannes. „Ich würde gerne auch mal allein raus, aber das schaffen meine Arme nicht.“

Erst recht nicht auf dem querlaufenden alten Kopfsteinpflaster der Kieler Straße. „Jetzt wird gehoppelt“, kündigt Werner Huß an. Der unebene Boden bringt seine Frau zum Zittern, er sie kurzerhand wieder in Schräglage: Die breiten Hinterreifen kommen besser gegen die tiefen Rillen im Pflaster an. Anke Braun fällt ein passender Bilderwitz ein: „Ein Mann schiebt seine Frau im Rollstuhl, sie wackelt. Fragt ein anderer: ’Parkinson?’ – ’Nee. Kopfsteinpflaster.’“ Das Ehepaar lächelt verhalten. „Ja, ja“, sagt Werner Huß.

„Rumpeln oder Slalomfahren?“ Eine Frage, die sich sich kurz darauf in der St.-Nicolai-Straße stellt. Der mittig verlegte Kopfstein wird links und rechts flankiert von glattem, roten Pflaster. Dort, wo Geschäfte die schmale Gasse säumen. Geschäfte, deren Inhaber mit Aufstellern auf ihr Angebot hinweisen, und die oft nur über Stufen zu erreichen sind. „Also lieber rumpeln“, entscheidet Werner Huß. Auch Klaus-Dieter Rediske wählt die Mitte. Unterschiedlich strukturierter Bodenbelag ist ihm Orientierungshilfe. Einheitlichkeit macht unsicher. „Dann richte ich mich nach Hausfassaden oder Bordsteinen.“

„Kopfsteinpflaster raus, glatter Boden rein, ein Leitstreifen in der Mitte – damit wäre Rollstuhlfahrern und Sehbehinderten gleichermaßen gedient“, schlägt Werner Huss als Kompromiss vor. Und lässt doch auch das optische Argument gelten. „Natürlich sieht Kopfsteinpflaster in einer historischen Altstadt schöner aus. Aber dann sollte man es abschleifen.“ An einer Stelle der Kieler Straße sei das schon geschehen, sagt Anke Braun. „Geschäftsleute und Stadt sind sehr offen.“ Immer mehr abgeflachte Bordsteine und Ladeneingänge, Rampen und Aufzüge in öffentlichen Gebäuden zeigten das. Der Straßenzug Langebrückstraße, Ottestraße und Hafengang sowie die Gerichtsstraße haben schon einen Blindenleitstreifen; weitere Abschnitte der Fußgängerzone sollen folgen.

Dass Eckernförde im Vergleich zu anderen Städten „relativ Rolli-freundlich“ ist – für das Ehepaar Huß war dies auf der Wohnortsuche ein wichtiges Argument. Der gute Eindruck bestätigte sich bei der Sanierung des alten Stadthauses, das sie mitten im Zentrum gekauft haben: Ursprünglich war es nur über zwei Stufen zu erreichen – die Stadt erlaubte den Bau einer Rampe auf dem Bürgersteig.

Behinderten Menschen das Leben zu erleichtern, sie tatsächlich teilhaben zu lassen – dafür seien nicht allein Politik und Verwaltung zuständig. „Wenn jeder Privatmensch sich mehr in unsere Lage versetzen würde, wäre schon viel erreicht“, sagt Klaus-Dieter Rediske. Wenn etwa Mülltonnen nicht auf dem Bürgersteig stehen gelassen und Blindenleitstreifen nicht als Parkstreifen missbraucht würden. Anke Braun ist optimistisch, dass sich das Bewusstsein dafür weiter entwickeln wird. „In 40 Jahren ist Eckernförde perfekt.“

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