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Thema: Leben : 14 lange Jahre bis zum Jawort

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Karina und Stefan Thede waren viele Jahre ein Paar bis sie heirateten. Denn die Familie der Braut war lange gegen eine Hochzeit - das ist keine Seltenheit. Ein Beratungsgespräch half den Thedes schließlich bei ihrer Entscheidung.

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Am Anfang war alles ganz einfach. Er sah sie täglich bei der Arbeit. Erst schwärmte er aus der Ferne, dann brachte er ihr eine Rose – und die beiden wurden ein Paar. „Verliebt, verlobt, verheiratet, sage ich immer.“ Karina Thede bricht die eigene Liebesgeschichte auf eine simple Formel herunter, über Probleme spricht sie nicht gern.

Doch schon vor der Verlobung brachen große Schwierigkeiten über das Paar herein. Karina Thedes engste Angehörige – damals zugleich die gesetzliche Betreuerin – redete der geistig behinderten Frau beharrlich ins Gewissen: Die heute 51-Jährige sollte Abstand von der Beziehung mit dem sieben Jahre jüngeren Werkstatt-Kollegen nehmen, die Angehörige verwehrte ihr Einverständnis für eine Verlobung – an eine Heirat sei gar nicht zu denken. Karina Thede geriet nach solchen Gesprächen ein ums andere Mal ins Wanken. Ihr heutiger Ehemann wusste dagegen stets, was er wollte: „Ich hab Karina mehrere Heiratsanträge gemacht, nachher hat sie doch spontan ‚ja‘ gesagt“, erinnert sich Stefan Thede.

Üblicherweise verstreichen zwischen der Verlobung und dem endgültigen Jawort ein oder zwei Jahre. 14 waren es bei den Thedes. 168 Monate, in denen er beharrlich auf seine künftige Braut einredete. Doch die Hochzeitseuphorie der künftigen Braut hielt jeweils kaum länger als bis zum nächsten Gespräch mit der Verwandtschaft.

Vorbehalte in der Familie sind keine Seltenheit, wenn zwei Menschen mit kognitiven Einschränkungen heiraten möchten. Die Vorsitzende der Schleswig-Holsteinischen Standesbeamten, Carola Hofbauer-Raup, bestätigt das: „Ich habe es sogar schon erlebt, dass ein Paar einen Hochzeitstermin deshalb wieder abgesagt hat.“ Überhaupt wolle sich die Familie oft einmischen – aber das gebe es bei anderen Paaren schließlich auch.

Die Rechtslage jedenfalls ist eindeutig: „Ja“ sagen dürfen nur die Eheleute selbst – der gesetzliche Betreuer hat kein Vetorecht, er muss nicht einmal über eine Heirat informiert werden. Hauptgrund dafür ist Paragraph 6 im Grundgesetz, der die Ehe unter einen besonderen Schutz stellt. Im Bürgerlichen Gesetzbuch heißt es zwar, dass nur heiraten darf, wer auch geschäftsfähig ist. Doch eine partielle Geschäftsfähigkeit zum Heiraten kann selbst dann gegeben sein, wenn jemand in allen übrigen Belangen betreut wird. Wer eine Ehe eingehen will, muss also nicht unbedingt seine Bankgeschäfte überblicken, schreiben oder lesen können.

Carola Hofbauer-Raup erklärt, welche Verantwortung dies in der Praxis für die Standesbeamten mit sich bringt: „Wir müssen sehr gründlich prüfen, ob jemand in der Lage ist, zu begreifen, was eine Hochzeit eigentlich bedeutet.“ Nur wenn ein Paar damit einverstanden ist, darf der Standesbeamte Rücksprache mit dem gesetzlichen Betreuer halten. „Bestehen Zweifel an der Ehefähigkeit, darf ich die Betreuungsakten der Brautleute anfordern, notfalls auch ein Betreuungsgutachten in Auftrag geben“, erklärt Hofbauer-Raup das Prozedere.

Im Fall der Thedes war das nicht notwendig. Stattdessen musste der angehende Bräutigam seine Verlobte erst einmal davon überzeugen, dass sie selbst entscheiden darf, ob, wen und wann sie heiratet. Eine langwierige Aufgabe. Nach 14 Jahren hatte er die Nase endgültig voll. „Karina wusste ja selber nicht, auf welcher Seite sie stehen sollte“, erinnert sich Stefan Thede, „sie hat sich immer auf die Familie verlassen. Bis ich gesagt habe: ‚Schluss. Vorbei. Jetzt ziehen wir das durch!‘“ Auf seinen Wunsch hin ließ sich das Paar in der Eutiner Wohnstätte beraten, in der die beiden damals lebten. Mit eindeutigem Ergebnis: „Natürlich dürft ihr beiden heiraten“, habe die Frau gesagt. „Da kann euch überhaupt niemand reinreden. Das müsst ihr selber wissen“, erinnert sich Stefan Thede.

Dieses Gespräch war es, das seiner Frau die nötige Sicherheit gab. Ihre Verwandtschaft sollte nichts von der Trauung erfahren, deshalb war Stefan Spielermann auch gern bereit, Karinas Nachnamen anzunehmen. Allerdings verplapperte sich ein Hausmeister auf dem Weihnachtsbasar der Eutiner Werkstätten. Unter dem Druck der bereits geschaffenen Tatsachen machte Karina Thedes Verwandtschaft nun endlich doch noch ihren Frieden mit den Hochzeitsplänen. Zum Zeichen der Versöhnung kaufte die Tante sogar gemeinsam mit der Braut ein Hochzeitsoutfit ein.

Das kleine Fotoalbum, das sie an den besonderen Tag am 9. Dezember 2011 erinnern soll, halten die Thedes noch heute mit Bedacht in Händen, nach jedem Umblättern streicht sie sacht die Seiten glatt. In den zwei Jahren seit der Hochzeit ist viel passiert: Karina Thede hat den Betreuer gewechselt, gemeinsam mit ihrem Ehemann wohnt sie heute in einer eigenen kleinen Wohnung außerhalb des Heims.

Und am Ende ist alles wieder ganz einfach. Er ist der „Rechner“, der „Erklärer“, der auch beim Einkaufen den Überblick behält. Sie hat zwei gesunde Hände, kümmert sich um den Haushalt und schließt auch seine Reißverschlüsse. Ohneeinander könnten sie nicht leben. „Tja“, seufzt Karina Thede und wiederholt noch einmal ihre Liebes-Formel: „Verliebt , verlobt, verheiratet. So ist das mit uns.“

Die Kurztexte schenken die Thedes einander zum zweiten Hochzeitstag am 9. Dezember.


„Wir sind miteinander verbunden“ von Stefan Thede

Meine Frau ist eine Unterstützung für mich – beim Bettenbeziehen, Wäsche aufhängen und zusammenlegen, sie macht mir auch den Reißverschluss zu. Und ich bin gern ihr „Rechner“, zum Beispiel beim Einkaufen. Wir sind miteinander verbunden und ergänzen uns.

Manchmal nervt es, dass sie nicht gleich sagt, was los ist, wenn sie was hat. Aber was ich gut finde ist, dass wir die gleichen Interessen haben. Wir sind beide im Kreisbeirat der Lebenshilfe. Wir sind beide gern unterwegs, wir machen Tagestouren und Ausflüge, meistens zusammen – Freunde treffen und Bekannte.

Manchmal hört Karina nicht richtig zu oder versteht etwas verkehrt – aber, wenn sie es erst richtig versteht, dann macht sie es auch gerne.

Manchmal bin ich alleine weg, bei einer Schulung – meine Frau mag nicht allein sein. Und ich freu mich dann auch immer, dass ich wiederkomme und mit ihr zusammen bin.

„Mit ihm bin ich nicht allein“ von Karina Thede

Er kann gut mit Geld umgehen. Er kann mich nicht betrügen und ist so ehrlich. Er ist immer geduldig, auch beim Spazierengehen  – und quakt nicht immer, „meine Füße tun weh!“. Unsere Wohnungssuche war sehr spannend. Lesen und Schreiben?! Gut, dass ich ihn dafür habe. Und zum Erklären, das kann er. Und abends ist es warm mit ihm. Aber ich kann es nicht ab, wenn er sauer wird.

Ich helfe meinem Mann gern Betten beziehen, Jacke zumachen, aufräumen – ich habe zwei gesunde Hände, er nicht. Mit ihm bin ich nicht allein, es ist jemand da, zu Hause.

* Dokumentation: Antonia Stahl

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