Ilse Aigner : Lebensmittel aus der Region werden immer beliebter

Zu Besuch in der gläsernen Redaktion: Agrarministerin Ilse Aigner begrüßt den immer stärker werdenden Trend der Verbraucher zu regionalen Produkten. Im Gespräch mit Rainer Mohrmann sprach sie von einer 'Renaissance des Regionalen', die eine echte Stärkung der heimischen Landwirtschaft bedeute. Foto: Hauke Mormann
Zu Besuch in der gläsernen Redaktion: Agrarministerin Ilse Aigner begrüßt den immer stärker werdenden Trend der Verbraucher zu regionalen Produkten. Im Gespräch mit Rainer Mohrmann sprach sie von einer "Renaissance des Regionalen", die eine echte Stärkung der heimischen Landwirtschaft bedeute. Foto: Hauke Mormann

Mit Landwirtschaftsministerin llse Aigner (CSU) sprach unser Redaktionsmitglied Rainer Mohrmann über die Verschwendung von Nahrungsmitteln und die Bedeutung des Tierwohls.

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23. Januar 2013, 06:08 Uhr

Frau Aigner, die Frage nach der Wertschätzung von Lebensmitteln führt direkt zum Verbraucher. Glauben Sie, dass die von Ihnen ins Leben gerufene Aktion gegen Lebensmittelverschwendung zu einer neuen Wertvorstellung beim Umgang mit Nahrungsmitteln führt?
Die Resonanz auf unsere Initiative "Zu gut für die Tonne" ist überwältigend. Wir bekommen Zuspruch aus allen Kreisen der Gesellschaft. Immer mehr Partner aus Handel, Gastronomie, Verbänden, Vereinen und Kirchen schließen sich der Aktion an. Ich freue mich besonders über die vielen positiven Rückmeldungen all jener Bürgerinnen und Bürger, die uns wertvolle Hinweise oder auch tolle Reste-Rezepte zugeschickt haben. Mittlerweile hat jeder zweite Deutsche von der Kampagne "Zu gut für die Tonne" gehört. Und viele Menschen haben uns gesagt, dass sie ihr Verhalten beim Umgang mit Lebensmitteln bereits geändert haben.
Welche Chancen besitzen regionale Lebensmittel bei Ihrer Forderung nach nachhaltiger Land- und Ernährungswirtschaft?
Wir erleben in Deutschland eine Renaissance des Regionalen. Umfragen zeigen: Die Hälfte aller Verbraucher achtet beim Einkauf auf Lebensmittel aus der Region. Die Erkenntnis, dass saisonale und regionale Produkte oft frischer und besser für die Umwelt sind, spielt dabei eine wichtige Rolle. Das stärkt unsere heimischen Landwirte, die nach höchsten Produktionsstandards wirtschaften und hochqualitative Erzeugnisse auf den Markt bringen.
Die Landwirtschaft ist hier im Norden ein wichtiger Wirtschaftszweig. Die Bauern sehen den zunehmenden Flächenverbrauch mit großer Sorge. Was setzen Sie als Landwirtschaftsministerin dagegen?
Boden ist die Bedingung für die Erzeugung unserer Lebensgrundlagen. Jeder Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche ist kostbar. Mit der aktuellen Reform des Baurechts wollen wir einen Beitrag dazu leisten, den Flächenverbrauch in Deutschland zu reduzieren. Das Prinzip Innenentwicklung vor Außenentwicklung wird darin fest verankert. Außerdem müssen Flächen, die für die landwirtschaftliche Nutzung besonders geeignet sind, bei der Aufstellung von Bauplänen geschont werden. Das sind wichtige Instrumente. So können die Kommunen vor Ort die richtigen Entscheidungen treffen.
Die Diskussion um das Tierwohl und die Transparenz bei der Kennzeichnung gegenüber dem Verbraucher bewirken positive Resonanz in der Öffentlichkeit. Qualität und Verbraucher-Sicherheit sind aber nicht zum Nulltarif zu haben. Wird nicht letztendlich die Produktauswahl über den Preis entschieden?
Transparenz ist entscheidend. Es gibt viele Verbraucher, die bereit sind, mehr Geld für Lebensmittel auszugeben, die nach bestimmen Kriterien hergestellt wurden. Diese Kunden müssen die Unterschiede dann aber auch klar erkennen können. Deshalb habe ich ein Modell für eine einheitliche Regionalkennzeichnung entwickeln lassen. Verbraucher erkennen damit, wie viele Zutaten eines Produkts aus der Region kommen. Erste Lebensmittel mit der Kennzeichnung kommen dieser Tage in den Handel. Außerdem sorgen wir mit dem neuen Tierschutz-Label des Deutschen Tierschutzbundes für Transparenz. Das ist auch eine riesige Chance für die Erzeuger, die beim Tierschutz mehr leisten als gesetzlich vorgeschrieben ist.
Der gläserne Schweinestall, wie er in Schleswig-Holstein vom Bauernverband der Öffentlichkeit präsentiert wird, ist sicher ein nachahmenswertes Beispiel. Wäre es sinnvoll, diese kostspielige Art der Vertrauen schaffenden Transparenz für den Verbraucher zu fördern, damit möglichst viele Betriebe Kontakt zur Öffentlichkeit bekommen?
Viele Menschen haben keinen direkten Bezug mehr zur Landwirtschaft und zur Produktion von Lebensmitteln. Das liegt auch an der Werbung und den trügerischen Zerrbildern einer Landwirtschaft, die es seit 50 Jahren nicht mehr gibt. Gläserne Ställe sind eine Chance für die Landwirtschaft, die hohen Standards einer modernen Produktion zu zeigen. Das stärkt das Vertrauen in die Landwirtschaft und in ihre qualitativ sehr hochwertigen Produkte.
Große Lebensmittel-Einzelhandelsketten wie zum Beispiel Aldi beteiligen sich an der Qualifizierung ihres Sortiments nach Richtlinien der Regionalität und des Tierschutzes. Glauben Sie, dass sich diese Kriterien nachhaltig beim Verbraucher festsetzen werden?
Der Erfolg des Biosiegels zeigt, dass die Verbraucher Transparenz honorieren. 87 Prozent der Deutschen kennen das sechseckige Siegel und vertrauen ihm. Aus Umfragen wissen wir, dass die regionale Herkunft und hohe Tierschutzstandards mittlerweile zu den wichtigsten Kaufkriterien für die Verbraucher gehören. Wenn die Wirtschaft diesen Markt erkennt, werden sich sowohl das Tierschutz-Label als auch das Regionalfenster durchsetzen.

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