zur Navigation springen

Bauernpräsident Werner Schwarz : „Denn essen wollen wir alle“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Bauernpräsident Werner Schwarz erklärt, warum sein Berufsstand unter einer verzerrten öffentlichen Wahrnehmung leidet.

Bei der Grünen Woche in Berlin zeigt sich die Landwirtschaft von ihrer schönen Seite. Das gleiche Bild zeichnen viele Zeitschriftentitel: Ist das eine Sichtweise, die der Landwirtschaft nützt?
Nach meinem Eindruck zeigt die Grüne Woche kein romantisches Bild. Es ist eine Verbrauchermesse, bei der sich Bürger auch über Landwirtschaft informieren können. Wir als Bauernverband sehen das Treffen als agrarpolitisches Forum. Aber wir müssen durchaus von diesem romantisierenden Bild wegkommen, denn wir sind ein Bereich der Wirtschaft, der genauso einer innovativen Entwicklung und dem Fortschritt unterliegt, wie zum Beispiel die Stahlindustrie. Sie finden in der Landwirtschaft heute viele Technologien, auf dem Mähdrescher oder in der Fütterungsautomatik. Das hat mit Romantik nichts mehr zu tun.

Andererseits gibt es immer wieder Kritik, meist an Missständen in der Tierhaltung. Was halten Sie diesen Kritikern entgegen?
Diese Kritik kommt häufig in der ersten und zweiten Kalenderwoche, um die Medienaufmerksamkeit zur Grünen Woche zu nutzen. Es gibt immer wieder Überdrehungen, wie zum Beispiel jüngst beim Thema Hormoneinsatz in der Sauenhaltung. Sicher ist es richtig über Fehlentwicklungen und Kritikpunkte auch zu sprechen, aber nicht in einer populistischen Form, denn das verzerrt das Bild immer.

Sie wehren sich gegen Verknappungen, Verkürzungen, Vereinfachungen?
Landwirtschaft ist schon lange nicht mehr einfach. Es ist ein hochqualifizierter Beruf, und insofern wehre ich mich deutlich gegen populistische Effekthascherei.

Müssen Sie vielleicht mehr erklären, was sie tun?
Dazu gibt es eine ganze Reihe von Studien, die besagen dass der Verbraucher gar nicht die vertiefte fachliche Information haben will, sondern offenbar eher die Emotion. Dahinter steckt durchaus ein verklärtes Bild von der Landwirtschaft. Ich frage mich, wie wir das hinbekommen, wie wir diese widersprüchlichen Wünsche überbrücken. Unsere große Chance ist der Landwirt vor Ort, er genießt ein hohes Vertrauen. Ich wünsche mir, dass unsere Landwirte ihr näheres Umfeld besser mitnehmen. Alle Landwirte sind gefordert, nicht nur der Verband, sondern der einzelne Landwirt in seinem Umfeld.

Jeder Landwirt soll für seinen Beruf werben?
Ja, natürlich. Wir sagen, das gehört auch zur Unternehmerkompetenz Landwirt dazu: seine Produkte, sein Handeln zu erklären. Und das nicht nur aus dem Bauch, sondern auch in Anlehnung an eine wissenschaftliche, fachliche Basis.

Sie sind in diesem Bereich persönlich sehr aktiv geworden und haben eine Web-Kamera im Schweinestall installiert. Wird diese Offenheit von den Kunden positiv wahrgenommen?
Ja ich glaube schon, dass der interessierte Bürger Informationen haben will. Wenn wir zu speziell werden oder mit zu viel Information kommen, wird es schwierig, dann schalten die Menschen ab. Es wird darauf ankommen, das richtige Maß zu finden. Wir müssen auf unsere Kunden, den Verbraucher zugehen.

Wenn über Fehlentwicklungen gesprochen wird, dann wird gerne von schwarzen Schafen gesprochen. Unternimmt die Landwirtschaft selbst etwas, um solche Dinge abzustellen?
Es gibt sicherlich Landwirte, die am Rande der guten fachlichen Praxis arbeiten, hier greifen Kontrollmechanismen der EU, die in Gang gesetzt werden können, wenn ein Verbraucher sich schlecht behandelt fühlt. Es ist immer schwierig für einen Interessenverband, in der Öffentlichkeit auf solche Landwirte zuzugehen. Ich denke schon, dass innerhalb der Bauernschaft darauf geachtet wird, ob jemand die fachliche Praxis verlässt. Er muss sich dann fragen lassen, ob das wirklich sein muss.

Ist die Offenheit, die sie selbst mit der Kamera im Stall praktizieren, ein Weg für alle Landwirte?
Wir haben die Ställe ja nicht zugemacht, weil wir etwas zu verbergen hätten. Hier geht es um Tiergesundheit und Tierwohl. Die Aufsichtsbehörden sagen uns, ihr könnt aus hygienischen Gründen nicht jedermann in den Stall lassen. Da sind die neuen Medien eine Möglichkeit, diese Hinderungen zum umgehen. Die Technik hilft uns, aufzuklären und zu informieren. Uns wird immer wieder unterstellt, dass wir hinter den verschlossenen Türen etwas tun, das nicht korrekt ist: Dem ist nicht so.

Es ist dennoch mühsam, aus der Defensive herauszukommen.
Ja, das ist äußerst mühsam. Jeder Landwirt sollte sich damit befassen. Warum schließen sich nicht mehrere Höfe zusammen und machen einen Tag des offenen Dorfes? Wir als Lobbyverband haben es da durchaus schwerer. Glaubwürdig ist der Berufskollege vor Ort.

Gerade auf den Dörfern stoßen Landwirte mit Bauprojekten zunehmend auf den Widerstand ihrer Nachbarn. Was hat sich auf den Dörfern verändert, dass Landwirtschaft nicht mehr vorbehaltlos hingenommen wird?
Es gibt unterschiedliche Ebenen der Kritik. Es gibt die persönlich Betroffenen und es gibt die, die grundsätzlich etwas gegen Tierhaltung haben. Vielfach wird dann nicht mit rechtlichen Mitteln gestritten, sondern mit zivilem Ungehorsam. Dann haben wir eine Situation, wo nichts mehr geht. Es gibt in vielen Dörfern eine große schweigende Mehrheit. Die sind oft auch nicht begeistert, wenn ein großer Stall neu gebaut wir. Aber die sagen, mein Bauer will seinen Hof lebensfähig halten, daher müssen wir das mittragen. Streit entsteht immer, wenn es keine Bereitschaft zum Kompromiss gibt.

Was können die Landwirte tun?
Frühzeitig informieren ist ein ganz wichtiger Punkt. Wir bieten für unsere Mitglieder Konfliktvermeidungsseminare an, weil wir sehen, dass der Austausch mit den extrem kritischen Menschen schwierig ist. Diese Formen der Kommunikation haben wir Landwirte nie gelernt. Also müssen wir als Verband da ran und den Berufskollegen Werkzeuge an die Hand geben. Wir haben viele Rückmeldungen, dass das auch hilfreich ist. Dieses Thema ist neu für die Landwirtschaft und unterstreicht auch noch einmal, dass jeder in seinem Umfeld Akzeptanz und Nähe schaffen muss.

Aus solchen Debatten gibt es gesellschaftliche Trends, die sich entwickeln. Derzeit ist vegetarisch essen, vegan essen so eine Entwicklung. Macht Ihnen das Sorgen?
Natürlich macht uns das Sorgen, aber wir leben in einer offene Gesellschaft und da kann man niemandem vorschreiben, was er zu konsumieren hat. Wenn sich eine Familie entscheidet, kein Fleisch mehr zu konsumieren, dann wünsche ich ihnen, dass sie damit glücklich werden. Es gibt aber nach wie vor viele Menschen, die gerne Fleisch essen, für die produzieren wir weiter. Sollte das ein Megatrend werden, mag es Absatzprobleme geben. Aber soweit sind wir noch lange nicht

Warum ist die Debatte um das Thema Essen so ideologisch geworden?
Da ist jeder betroffen. Es geht um die Gesundheit. Viele Menschen fühlen sich gut, wenn sie weniger Fleisch essen. Wir werden als Produzenten darauf reagieren. Wenn der Absatz zurückgeht, werden wir weniger produzieren, weil es einfach nicht mehr rentabel ist.

Die Landwirte stellen sich dem Markt und fordern keine Subventionen?
Bei Schweine- oder Geflügelfleisch war es nie ein regulierter Markt, nur in Ausnahmefällen gab es Eingriffe in den Markt. Die Berufskollegen hören lieber auf den Markt.

Was ist aus den Konfliktthemen mit der Landesregierung geworden. Haben die Bauern den Knickschutz inzwischen akzeptiert?

Die beiden Gesetzgebungen zum Grünland und zum Knick hat sich die Koalition als vordringliche Projekte gestellt. Die sind umgesetzt, daher kann es sein, dass es derzeit ein wenig ruhiger ist. Es sind aber eine ganze Reihe von Regelungen noch in der Pipeline, wie das Verbandsklagerecht in Sachen Tierhaltung, da mag sich noch etwas entwickeln. Nichtsdestotrotz sind wir beim Thema Knick nach wie vor dran, denn in der Verordnung sind Dinge, die wir nicht akzeptieren können. Eine Arbeitsgruppe beim Landesnaturschutzbeauftragen spricht darüber, wie wir diese Vorschriften praxisgerecht machen. Totalopposition bringt uns nicht weiter. Alle Beteiligten sind – natürlich mit unterschiedlichen Blickwinkeln – daran interessiert, konstruktiv miteinander zu arbeiten. Das schätze ich durchaus an der Führung des Landwirtschaftsministeriums.

Wir haben viel über die Schwierigkeiten der Landwirte gesprochen. Was raten Sie jungen Landwirten, die vor der Entscheidung stehen, den elterlichen Hof zu übernehmen?
Uneingeschränkt ja: Wenn ihr Lust habt zu arbeiten, wenn ihr positiv mit Tieren, mit Boden mit der Natur umgehen könnt, dann ran. Es kann Euch nichts Besseres passieren. Für mich ist es der schönste Beruf, Bauer zu sein. Landwirtschaft ist ein Beruf mit Zukunft, denn essen wollen wir alle.

zur Startseite

von
erstellt am 16.Jan.2014 | 00:33 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen